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Medikamente und Gewichtszunahme: welche, wie viel, wie schnell

HIIT: Was Intervalltraining beim Abnehmen wirklich bringt Du liest Medikamente und Gewichtszunahme: welche, wie viel, wie schnell 22 Minuten Weiter Frustessen: Ursachen, Auslöser und was wirklich hilft

Mehrere Wirkstoffgruppen können das Gewicht steigen lassen. Am besten belegt sind einzelne Antidepressiva und Antipsychotika, Antiepileptika wie Valproat, Glukokortikoide, bestimmte Diabetesmedikamente einschließlich Insulin sowie Betablocker. In kontrollierten Studien liegen die Unterschiede gegenüber Placebo meist zwischen einem und drei Kilogramm, nicht bei zehn oder zwanzig. Wann eine Zunahme einsetzt und wie lange sie anhält, unterscheidet sich je Gruppe deutlich. Ein verordnetes Medikament wird deswegen nie eigenmächtig abgesetzt, umgestellt oder anders dosiert.

Dieser Artikel beantwortet, was in den üblichen Übersichten fehlt: nicht nur welcher Wirkstoff, sondern ab wann, wie lange und bei wie vielen Menschen. Dazu ein Frühwarnwert aus einer prospektiven Kohorte und zwei randomisierte Studien zum Abnehmen unter laufender Medikation.

Bitte zuerst lesen. Kein verordnetes Medikament wird wegen des Gewichts eigenmächtig abgesetzt, niedriger dosiert, ausgelassen oder getauscht. Bei Psychopharmaka, Antiepileptika, Glukokortikoiden sowie blutzucker- und blutdrucksenkenden Medikamenten kann das erhebliche Folgen haben. Der nächste Schritt ist immer derselbe: die verordnende Praxis ansprechen. Dieser Artikel liefert dafür Zahlen und Fragen — keine Therapieentscheidung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Größenordnung steht fest: In einer Meta-Analyse über 257 randomisierte Studien mit 84.696 Teilnehmenden lagen die Unterschiede gegenüber Placebo meist bei einem bis drei Kilogramm.
  • Der Zeitverlauf unterscheidet sich stark: Betablocker in den ersten Monaten und danach ohne weiteren Zuwachs, Valproat nach zwei bis drei Monaten, Antidepressiva über mindestens sechs Jahre.
  • Häufigkeit statt „kann": 70 Prozent unter Langzeit-Glukokortikoiden, bis zu 50 Prozent unter Valproat, 5,4 bis 17,1 Prozent unter Pregabalin je Dosis.
  • Das Frühwarnsignal: Mehr als 3 Prozent Zunahme nach einem Monat bedeuteten in einer Kohorte ein 11,3-fach erhöhtes Risiko für eine spätere Zunahme über 15 Prozent.
  • Abnehmen unter laufender Medikation ist belegt: 4,4 Kilogramm mehr als die Kontrollgruppe nach sechs Monaten, 3,2 Kilogramm nach 18 Monaten.
  • Die Entlastung gehört dazu: Für Antihistaminika, die meisten Blutdrucksenker außer Betablockern und für Levothyroxin ist kein Effekt belegt.

Wie groß die Effekte tatsächlich sind

Meist zwischen einem und drei Kilogramm. Die beste Grundlage ist eine Meta-Analyse von 2015, die 257 randomisierte Studien zu 54 Wirkstoffen mit 84.696 Patientinnen und Patienten gegen Placebo auswertete. Die höchsten Werte liegen dort knapp unter drei Kilogramm, die niedrigsten bei wenigen hundert Gramm. Zehn oder zwanzig Kilogramm allein durch ein Medikament kommen in dieser Datenlage nicht vor.

Drei Dinge erklären, warum die erlebte Zunahme größer wirkt. „Gegenüber Placebo" ist eine Differenz zwischen zwei Gruppen: Die Placebogruppe nimmt oft ebenfalls zu, der berichtete Wert ist nur der Überschuss. Es sind Mittelwerte: Manche nehmen gar nicht zu, andere deutlich mehr. Und die Studienzeiträume sind oft kurz. Eine kursierende Zahl ist zudem falsch wiedergegeben: Die häufig genannten 1,8 Kilogramm für Amitriptylin gelten für den gesamten Studienzeitraum, nicht „pro Monat".

Wenn du noch nicht weißt, ob überhaupt ein Medikament die Ursache ist, hilft die Übersicht über alle belegten Ursachen einer Gewichtszunahme beim Eingrenzen — und die Ursachenübersicht zur Adipositas ordnet sie nach Belegstärke.

Was Häufigkeitsangaben im Beipackzettel bedeuten

In der Packungsbeilage steht die Gewichtszunahme nicht mit Kilogramm, sondern mit einer Häufigkeitskategorie. Zwischen „sehr häufig" und „selten" liegt der Faktor tausend.

Angabe in der Packungsbeilage Größenordnung
sehr häufig mehr als einer von zehn Behandelten
häufig weniger als einer von zehn, mehr als einer von hundert
gelegentlich weniger als einer von hundert, mehr als einer von tausend
selten weniger als einer von tausend, mehr als einer von zehntausend
sehr selten weniger als einer von zehntausend

Dazu kommt „nicht bekannt", wenn sich die Häufigkeit aus den Daten nicht abschätzen lässt. Steht Gewichtszunahme unter „häufig", betrifft sie also mindestens einen von hundert und höchstens einen von zehn Behandelten. Das ist eine andere Information als „kann vorkommen" — und sie liegt bei jedem Medikament im Haus.

Tablettendose und ein Medikamentenblister neben einem Glas Wasser auf einem Küchentisch

Welche Wirkstoffgruppen betroffen sind — und wann es losgeht

Diese Übersicht ordnet die Wirkstoffgruppen nach den drei Fragen, die Betroffene tatsächlich stellen: wie groß, ab wann, wie viele. Leere Felder heißen, dass keine belastbare Zahl vorliegt; die Datengrundlage steht im Abschnitt darunter.

Wirkstoffgruppe Größenordnung gegenüber Placebo Wann erkennbar Wie häufig
Einzelne Antidepressiva 1,5 bis 1,8 kg für Mirtazapin und Amitriptylin kurzfristig oft unauffällig, langfristig deutlicher eine zusätzliche Episode mit mindestens 5 % Zunahme je 27 Behandelte im zweiten Jahr
Antipsychotika −0,23 bis +3,01 kg je nach Wirkstoff im Median über 6 Wochen gemessen je Wirkstoff sehr unterschiedlich
Antiepileptika, Stimmungsstabilisierer Gabapentin 2,2 kg Valproat 2 bis 3 Monate nach Beginn Valproat bis zu 50 %; Pregabalin 5,4 bis 17,1 %
Glukokortikoide nicht in Kilogramm bezifferbar mit Dauer und kumulativer Dosis zunehmend 70 % berichteten Zunahme
Insulin und Sulfonylharnstoffe Insulin 4,0 kg, Glibenclamid 1,7 kg über 10 Jahre über Jahre
Betablocker median 1,2 kg, Spannweite −0,4 bis 3,5 kg in den ersten Monaten, danach kein weiterer Zuwachs
Depot-Gestagen (Dreimonatsspritze) 2 bis 3 kg über ein bis drei Jahre über Jahre in 15 von 22 Studien kein signifikanter Unterschied

Antidepressiva

Nicht alle Antidepressiva wirken gleich, und der Zeitraum entscheidet. Eine Meta-Analyse über 116 Studien fand ein erhöhtes Risiko bei Amitriptylin, Mirtazapin und Paroxetin, unter Fluoxetin und Bupropion dagegen eine leichte Abnahme. Für die übrigen war der Effekt kurzfristig gering, im Langzeitverlauf aber zunehmend deutlicher.

Eine Kohorte aus britischen Praxisdaten mit 294.719 Erwachsenen über 1.836.452 Personenjahre zeigt das Ausmaß: Neue Episoden mit mindestens fünf Prozent Gewichtszunahme traten bei 8,1 pro 100 Personenjahre ohne und bei 11,2 mit einer Antidepressiva-Verordnung auf, und das Risiko blieb über mindestens sechs Jahre erhöht. Eine Zahl relativiert das: Im zweiten Behandlungsjahr mussten 27 Personen ein Jahr lang behandelt werden, damit eine zusätzliche Episode auftrat. Die meisten nehmen also nicht deutlich zu — und kausal sind die Zusammenhänge laut den Autoren nicht zwangsläufig.

Ein Punkt entlastet viele Betroffene und fehlt in fast allen Ratgebern: Eine Depression senkt häufig den Appetit. Stellt die Behandlung ihn wieder her, ist ein Teil der Zunahme eine Rückkehr zum Ausgangsgewicht und keine Nebenwirkung im engeren Sinn; beziffern lässt sich dieser Anteil nicht. Was am Zusammenhang von Serotonin und Appetit belegt ist, steht im eigenen Beitrag.

Antipsychotika

Hier ist die Spannweite zwischen den Wirkstoffen größer als in jeder anderen Gruppe: In einer Netzwerk-Meta-Analyse über 100 randomisierte Studien mit 25.952 Teilnehmenden reichte die Gewichtsveränderung gegenüber Placebo von −0,23 bis +3,01 Kilogramm, bei einer Median-Behandlungsdauer von sechs Wochen. Die ungünstigsten Profile hatten Olanzapin und Clozapin, mehrere andere Substanzen unterschieden sich kaum von Placebo. Dass sich Wirkstoffe einer Gruppe unterscheiden, ist damit gut belegt — welcher davon für eine einzelne Person infrage kommt, hängt an Faktoren, die nur die behandelnde Praxis kennt.

Dieselbe Auswertung beantwortet die Frage „warum ich und andere nicht?" zum Teil: Größere Blutzuckeranstiege wurden durch ein höheres Ausgangsgewicht und durch männliches Geschlecht vorhergesagt. Prädiktoren existieren also, und sie sind vor Therapiebeginn bekannt. Dazu gehört ein Zielkonflikt: In derselben Analyse war eine Verbesserung der Symptome mit Gewichtszunahme assoziiert, für das Gewicht mit einem Korrelationskoeffizienten von 0,36. Das ist eine Korrelation auf Studienebene, kein individueller Automatismus, und keine Aussage, dass eine Zunahme für die Wirkung nötig wäre. Es ist aber der sachlichste Grund, ein wirksames Präparat nicht eigenmächtig infrage zu stellen.

Antiepileptika und Stimmungsstabilisierer

In dieser Gruppe läuft die Wirkung in beide Richtungen. Ein Umbrella-Review über 18 Publikationen zu Menschen mit bipolarer Störung fand für Valproat eine Gewichtszunahme bei bis zu 50 Prozent der Anwendenden, erkennbar zwei bis drei Monate nach Beginn; für Carbamazepin ein niedriges Risiko, für Lamotrigin und Topiramat einen Zusammenhang mit Gewichtsabnahme. Diese Daten stammen aus Studien zur bipolaren Störung, nicht aus Epilepsie-Kohorten.

Für Pregabalin liegt eine gepoolte Analyse aus vier placebokontrollierten Studien mit 807 behandelten und 367 Vergleichspersonen vor: Gewichtszunahme trat je nach Dosisgruppe bei 5,4 bis 17,1 Prozent auf, war also deutlich dosisabhängig; abgebrochen haben deswegen nur 0,74 Prozent. Es sind Kurzzeitstudien.

Glukokortikoide („Kortison")

Diese Gruppe hat die höchste belegte Häufigkeit. In einer Befragung von 2.446 Personen, die mindestens 60 Tage lang Glukokortikoide einnahmen, war Gewichtszunahme mit 70 Prozent die häufigste selbst berichtete Nebenwirkung. Alle erfassten Nebenwirkungen hingen stark von der kumulativen Gesamtdosis ab, und auch im niedrigen Dosisbereich war eine längere Anwendungsdauer signifikant mit Gewichtszunahme verbunden. Einschränkungen: Selbstauskunft, Rücklaufquote 38 Prozent.

Ein Teil dieser Zunahme ist Flüssigkeit und nicht Fettgewebe; wie groß dieser Anteil ist, lässt sich aus der Literatur nicht aufschlüsseln, und jede Prozentangabe dazu wäre erfunden. Dass Medikamente der häufigste Grund für zu viel Cortisol im Körper sind und nicht Stress, steht im Beitrag zu Cortisol.

Diabetesmedikamente und Insulin

In der Diabetestherapie geht die Wirkung in beide Richtungen, und der Nutzen der Blutzuckersenkung steht nicht zur Debatte. Die belastbarste Langzeitzahl kommt aus einer Studie über zehn Jahre: In der intensiv behandelten Gruppe lag die Gewichtszunahme im Mittel 2,9 Kilogramm höher als unter konventioneller Behandlung, davon 4,0 Kilogramm unter Insulintherapie und 1,7 Kilogramm unter Glibenclamid. Für Metformin fand die große Meta-Analyse dagegen eine Abnahme von 1,1 Kilogramm.

Warum körpereigenes Insulin nicht dick macht, eine Insulintherapie aber mit Gewichtszunahme verbunden ist, trennt der Beitrag Insulin: Wirkung und Insulinresistenz; was Gewicht und Ernährung beim Typ-2-Diabetes bewirken, steht dort. Und was gewichtssenkende Medikamente leisten, behandelt der Beitrag zur Abnehmspritze.

Betablocker

Hier liegt die beruhigendste belegte Information des Themas. Eine systematische Analyse von acht prospektiven randomisierten Studien über mindestens sechs Monate fand in der Betablocker-Gruppe ein höheres Körpergewicht, mediane Differenz 1,2 Kilogramm bei einer Spannweite von −0,4 bis 3,5 Kilogramm. Die Regressionsanalyse zeigte: Der Zuwachs entstand in den ersten Monaten, danach gab es keinen weiteren Unterschied zur Kontrollgruppe. Die Arbeit ist ausdrücklich als Hypothese überschrieben — aber sie ist die beste Antwort auf die Frage, ob es immer weiter nach oben geht.

Dagegen steht der kardiovaskuläre Nutzen einer wirksamen Blutdrucksenkung — eine andere Größenordnung als 1,2 Kilogramm. Was eine Blutdrucksenkung bringt und wie weit man ohne Medikamente kommt, steht im Beitrag zu Bluthochdruck.

Patientin im Gespräch mit ihrer Hausärztin an einem Schreibtisch

Hormonelle Verhütung: der Punkt, an dem fast alle Ratgeber zu grob sind

„Die Pille" ist keine einheitliche Gruppe, und genau daran scheitern die meisten Antworten. Für kombinierte hormonelle Kontrazeptiva liegt ein Cochrane-Review über 49 Studien vor: In den Untersuchungen mit Placebo- oder Kontrollgruppe fand sich kein Beleg für einen kausalen Zusammenhang mit dem Körpergewicht. Ausführlich eingeordnet ist das bei den Ursachen einer Gewichtszunahme.

Bei reinen Gestagenpräparaten liegt der Fall anders. Ein zweiter Cochrane-Review über 22 Studien mit 11.450 Frauen fand in 15 Studien keinen signifikanten Unterschied; drei fanden für die Dreimonatsspritze Unterschiede gegenüber Frauen ohne hormonelle Methode, retrospektiv 2,28 Kilogramm nach einem und 3,17 Kilogramm nach drei Jahren. Die Evidenz stufen die Autoren als niedrig bis moderat ein, denn 17 der 22 Studien waren nicht randomisiert. Das Signal existiert, die Datenqualität trägt keine starke Aussage — und keine Bewertung einer Verhütungsmethode.

Was entgegen der Behauptung nicht belegt ist

Die Entlastung ist genauso wichtig wie die Belastung. In der Meta-Analyse über 257 Studien war die Gewichtsveränderung für viele weitere Wirkstoffe, ausdrücklich einschließlich Antihypertensiva und Antihistaminika, entweder nicht signifikant oder nur durch Evidenz sehr niedriger Qualität gestützt. Die verbreitete Aussage, Blutdrucksenker ließen das Gewicht steigen, trifft für die meisten Klassen also nicht zu; Ausnahme sind Betablocker mit den genannten 1,2 Kilogramm.

Zweiter häufiger Irrtum: Levothyroxin gehört nicht auf diese Liste, es verursacht keine Gewichtszunahme. Steigt bei einer Schilddrüsenunterfunktion das Gewicht, liegt das an der unbehandelten oder unzureichend eingestellten Erkrankung — nachzulesen unter Abnehmen mit Schilddrüsenunterfunktion und Hashimoto.

Wenn die Waage steigt, aber kein Fett dazukommt

Nicht jede Zunahme auf der Waage ist Fettgewebe. Manche Wirkstoffe — allen voran eine häufig verordnete Gruppe von Blutdrucksenkern, dazu Glukokortikoide und einige Hormonpräparate — führen zu Flüssigkeitseinlagerungen. Das Gewicht steigt dann ohne neues Fettgewebe, oft innerhalb von Tagen statt Wochen. Woran du den Unterschied erkennst und ab welchen Schwellen eine Schwellung ärztlich abgeklärt gehört, steht im Beitrag zu Wassereinlagerungen.

Die ersten vier Wochen sind das Frühwarnsignal

Wer früh zunimmt, nimmt mit höherer Wahrscheinlichkeit auch spät deutlich zu — das ist die einzige prospektiv geprüfte Entscheidungsgrundlage in diesem Themenfeld. In einer prospektiven Kohorte mit 260 nicht übergewichtigen Menschen, die wegen einer Depression behandelt wurden, hatten diejenigen mit mehr als drei Prozent Zunahme nach einem Monat ein 11,3-fach erhöhtes Risiko für eine späte Zunahme über 15 Prozent. Diese Drei-Prozent-Schwelle war der beste Prädiktor, mit einer Trefferquote von 87 Prozent nach drei und 88 Prozent nach sechs Monaten. Die Autoren empfehlen ausdrücklich, den Wert als Anlass für ein frühes Gewichtsmonitoring zu nehmen.

Was die Schwelle ist und was sie nicht ist. Sie ist kein Grenzwert für Therapieentscheidungen und kein Signal zum Absetzen oder Umstellen, sondern ein Anlass, früh zu wiegen und das Thema anzusprechen. Die Einschränkungen sind deutlich: eine Kohortenstudie, ausschließlich Antidepressiva, eine nicht übergewichtige Ausgangspopulation, eine hohe Abbrecherquote. Auf andere Wirkstoffgruppen ist der Wert nicht automatisch übertragbar.

Fachlich steht der Ansatz nicht allein. Eine Übersichtsarbeit einer europäischen Fachgruppe von 2024 empfiehlt Behandelnden unter anderem, Risikofaktoren vor Therapiebeginn zu erfassen, metabolische Parameter im Verlauf zu kontrollieren und eine frühe Gewichtszunahme ausdrücklich als Prädiktor zu nutzen, um den Zeitpunkt einer Intervention oder eines Wechsels zu bestimmen. Für Betroffene heißt das: Die eigene Beobachtung der ersten Wochen ist fachlich anerkannt und kein Übereifer.

Drei Prozent sind eine Umrechnung und keine Vorgabe: bei 80 Kilogramm rund 2,4 Kilogramm, bei 100 Kilogramm 3 Kilogramm. Damit die Kurve etwas aussagt, braucht sie gleiche Bedingungen und Wochenmittelwerte statt einzelner Tage, weil Wasserhaushalt und Darminhalt zwischen zwei Tagen leicht ein bis zwei Kilogramm bewegen; wie das geht, steht im Beitrag darüber, wie du dich richtig wiegst. Notiere außerdem den Tag, an dem ein neues Medikament begonnen hat.

Personenwaage auf einem Badezimmerboden, daneben ein Notizbuch mit Stift

Abnehmen trotz Medikation: was die Studien zeigen

Es geht, und das ist randomisiert geprüft. Die STRIDE-Studie schloss 200 Erwachsene ein, die seit mindestens 30 Tagen Antipsychotika einnahmen. Die Intervention war ein sechsmonatiges Gruppenprogramm mit moderater Kalorienreduktion, gemüsebetonter Kost und mehr Bewegung, dazu sechs monatliche Auffrischungen. Die Interventionsgruppe verlor bis Monat sechs 4,4 Kilogramm mehr als die Kontrollgruppe und bis Monat zwölf noch 2,6 Kilogramm mehr; der Nüchternblutzucker sank dort von 106,3 auf 100,4 Milligramm pro Deziliter, während er in der Kontrollgruppe stieg. Die Schlussfolgerung der Autoren: Menschen, die Antipsychotika einnehmen, können Gewicht verlieren und ihren Nüchternblutzucker verbessern.

Die ACHIEVE-Studie ging über 18 Monate mit 291 übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen mit einer schweren psychischen Erkrankung. Der Unterschied zwischen den Gruppen betrug am Ende 3,2 Kilogramm; 37,8 Prozent der Interventionsgruppe verloren mindestens fünf Prozent ihres Ausgangsgewichts gegenüber 22,7 Prozent in der Kontrollgruppe. Der Gewichtsverlust nahm über die 18 Monate progressiv zu, und bei unerwünschten Ereignissen gab es keine signifikanten Unterschiede.

Ehrlich dazugesagt: Die Effekte sind moderat, und in STRIDE war der Zwölf-Monats-Wert kleiner als der Sechs-Monats-Wert. Die belegbare Botschaft ist nicht „es ist leicht", sondern: Es geht — mit Begleitung.

Was in beiden Studien wirkte, war die Begleitung über Zeit. Nicht ein bestimmter Speiseplan, sondern regelmäßige Termine über Monate und jemand, der nachfragt. Daran scheitern die meisten Versuche im Alltag. Die Stoffwechselkur von VitalBodyPLUS ist ein kalorienreduziertes, eiweißbetontes Programm mit individuell berechnetem Bedarf, enthaltener Ernährungsberatung und einer festen Stabilisierungsphase für die Zeit danach. Magdalena Mathiessen und ihr Team begleiten die Kurgruppen täglich persönlich per WhatsApp.

Wichtig vorher: Wenn du blutzucker- oder blutdrucksenkende Medikamente einnimmst, gehört jede Ernährungsumstellung vorher ärztlich besprochen. Der Bedarf kann sich dabei verändern, und die Dosis wird dann ärztlich angepasst — nicht von dir.

Stoffwechselkur ansehen

Was du in der Praxis besprichst

Ziel des Gesprächs ist nicht, eine Umstellung zu fordern, sondern das Thema mit Angaben auf den Tisch zu bringen, die eine Einordnung erlauben. Vier tragen es: seit wann du das Medikament einnimmst, seit wann das Gewicht steigt — beides mit Datum —, um wie viel, und eine Gewichtskurve über mehrere Wochen. Dazu eine vollständige Liste aller Präparate einschließlich frei verkäuflicher, weil sonst Mehrfachwirkungen unsichtbar bleiben.

Was auf dem Tisch liegen kann — und wer entscheidet

Dass sich Wirkstoffe einer Gruppe im Gewichtsprofil unterscheiden, ist belegt und damit ein legitimer Gesprächsgegenstand. Wie gut ein Wechsel wirkt, ist dagegen schwach untersucht: Ein Cochrane-Review fand über vier Studien mit 636 Teilnehmenden 1,94 Kilogramm mittleren Gewichtsverlust beim Wechsel auf ein Antipsychotikum mit günstigerem Gewichtsprofil — bei einem Konfidenzintervall, das die Null einschließt, und drei der vier Studien liefen höchstens 26 Wochen. Diese Zurückhaltung fehlt dort, wo „Medikament umstellen" als eigener Lösungsschritt erscheint.

Abzuwägen ist der Nutzen des Präparats gegen die Nebenwirkung, und das ist nur dort möglich, wo Diagnose, Verlauf und alle weiteren Medikamente bekannt sind. Am Ende steht deshalb keine Empfehlung, sondern eine Arbeitsteilung: Du bringst den Verlauf mit, die Praxis entscheidet über die Therapie.

Die Apotheke als zweiter Anlaufpunkt

Für Menschen mit mehreren Dauermedikamenten gibt es einen kaum bekannten Anspruch. Gesetzlich Versicherte in der ambulanten Versorgung, die aktuell und voraussichtlich über die nächsten 28 Tage mindestens fünf ärztlich verordnete, systemisch wirkende Arzneimittel oder Inhalativa einnehmen, haben Anspruch auf die „Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation" — ohne Eigenanteil, von den Krankenkassen vergütet, einmal alle zwölf Monate und bei mindestens drei neuen Arzneimitteln innerhalb von vier Wochen früher. Dort wird die gesamte Medikation durchgesehen, und genau dort fällt auf, wenn mehrere Präparate in dieselbe Richtung wirken.

Einen Verdacht melden

Patientinnen und Patienten dürfen Verdachtsfälle von Nebenwirkungen selbst melden, auch für Angehörige. Der Meldeweg ist das gemeinsame Portal des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte und des Paul-Ehrlich-Instituts unter nebenwirkungen.bund.de; anonym ist möglich, dann kann allerdings keine medizinische Rückfrage erfolgen. Zur Einordnung: Eine Meldung ersetzt das Gespräch in der Praxis nicht und löst das eigene Problem nicht. Sie verbessert die Datenlage für alle.

Warum die Frage in der Versorgung oft untergeht

Das Phänomen ist anerkannt, ein Vorgehen dafür nicht festgelegt. In der in Deutschland verbindlichen ICD-10-GM existiert der Diagnoseschlüssel E66.1 „Arzneimittelinduzierte Adipositas" — das Thema hat also eine eigene Diagnosenummer. Die deutsche S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas von Oktober 2024 führt Medikamente in ihrer Tabelle der potenziellen Ursachen auf und nennt die gewichtssteigernde Wirkung vieler Psychopharmaka „von hoher klinischer Relevanz".

Eine spezifische Handlungsempfehlung steht in den geprüften Abschnitten derselben Leitlinie aber nicht: kein Monitoring-Schema, kein Algorithmus für eine Umstellung, kein Zeitpunkt zum Nachmessen. Das ist keine Nachlässigkeit einzelner Praxen, sondern eine Lücke im Vorgehen — und sie erklärt, warum das Thema meist von der betroffenen Person angesprochen werden muss.

Wann du nicht abwarten solltest

Eine Gewichtszunahme, die kurz nach dem Beginn eines neuen Medikaments einsetzt, gehört angesprochen — auch wenn sie zunächst klein ist. Das Gleiche gilt für eine schnelle Zunahme innerhalb von Tagen und für neu auftretende Schwellungen an Beinen oder Knöcheln; die Schwellenwerte dafür stehen im Beitrag zu Wassereinlagerungen. Wenn das Gewicht dagegen steht oder steigt, ohne dass sich an deiner Medikation etwas geändert hat, ist die Ursache meist eine andere: warum das Abnehmen ins Stocken gerät.

Häufige Fragen

Welche Medikamente können eine Gewichtszunahme verursachen?

Am besten belegt sind einzelne Antidepressiva und Antipsychotika, Valproat und Pregabalin, Glukokortikoide, Insulin und Sulfonylharnstoffe sowie Betablocker. In einer Meta-Analyse über 257 randomisierte Studien lagen die Unterschiede gegenüber Placebo meist bei einem bis drei Kilogramm. Für Antihistaminika und die meisten Blutdrucksenker außer Betablockern war kein Effekt belegt.

Wie schnell setzt die Gewichtszunahme durch Medikamente ein?

Sehr unterschiedlich. Unter Betablockern entsteht der Unterschied in den ersten Monaten, danach fand eine Analyse von acht Studien keinen weiteren Zuwachs. Unter Valproat ist die Zunahme meist nach zwei bis drei Monaten erkennbar, unter Antidepressiva blieb das Risiko über mindestens sechs Jahre erhöht.

Geht das Gewicht nach einer Umstellung wieder weg?

Für den Wechsel von einem Antipsychotikum mit ungünstigem auf eines mit günstigerem Gewichtsprofil liegt ein mittlerer Gewichtsverlust von 1,94 Kilogramm vor — aus vier Studien, mit einem Konfidenzintervall, das die Null einschließt. Für andere Gruppen ist die Frage unbeantwortet. Über eine Umstellung entscheidet die verordnende Praxis.

Kann man trotz Medikamenten abnehmen?

Ja, und das ist randomisiert geprüft. In der STRIDE-Studie mit 200 Erwachsenen, die Antipsychotika einnahmen, verlor die begleitete Gruppe nach sechs Monaten 4,4 Kilogramm mehr als die Kontrollgruppe. In der ACHIEVE-Studie betrug der Unterschied nach 18 Monaten 3,2 Kilogramm, und 37,8 statt 22,7 Prozent verloren mindestens fünf Prozent.

Macht die Pille dick?

Für kombinierte hormonelle Kontrazeptiva gibt es keinen Nachweis: Ein Cochrane-Review über 49 Studien fand keinen Beleg für einen kausalen Zusammenhang mit dem Gewicht. Bei der Dreimonatsspritze fanden einzelne Studien rund zwei bis drei Kilogramm über ein bis drei Jahre, überwiegend ohne Randomisierung und bei schwacher Evidenz.

Macht Kortison dick oder ist es nur Wasser?

Beides spielt eine Rolle, und die Anteile lassen sich nicht beziffern. In einer Befragung von 2.446 Personen mit mindestens 60 Tagen Glukokortikoid-Therapie war Gewichtszunahme mit 70 Prozent die häufigste selbstberichtete Nebenwirkung, und sie nahm mit der kumulativen Gesamtdosis zu.

Was sage ich in der Praxis, damit das Thema ernst genommen wird?

Vier Angaben tragen das Gespräch: seit wann du das Medikament einnimmst, seit wann das Gewicht steigt, um wie viel, und eine Gewichtskurve statt eines Einzelwerts. Dazu eine Liste aller Präparate einschließlich frei verkäuflicher. Ab fünf Dauermedikamenten kommt die erweiterte Medikationsberatung in der Apotheke dazu.

Weiterlesen

Quellen

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  • ABDA, Faktenblatt Beipackzettel, Juni 2025 (Häufigkeitskategorien, § 11 Arzneimittelgesetz).
  • ABDA, Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation.
  • ABDA/Bundesapothekerkammer, Gewichtszunahme bei Antidepressiva oft vermeidbar, 04.06.2015.

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Er enthält keine Diagnose, keine Dosierungsempfehlung und keine Empfehlung für oder gegen ein Präparat. Verordnete Medikamente werden niemals eigenmächtig abgesetzt, umgestellt oder anders dosiert. Alle genannten Studienergebnisse sind Mittel- oder Medianwerte aus Gruppen und nicht auf den Einzelfall übertragbar.