Antioxidantien: Natürlicher Schutz für deine Zellen - VitalBodyPLUS.de

Antioxidantien: was sie wirklich tun und was nur behauptet wird

Antioxidantien sind keine Wundermittel und freie Radikale keine reinen Schadstoffe. Reaktive Sauerstoffspezies sind zugleich Signalmoleküle, die der Körper braucht. Aus der Nahrung sind antioxidativ wirksame Nährstoffe klar mit besserer Gesundheit verbunden — in hoher Dosierung aus der Kapsel haben mehrere große Studien Schaden gezeigt.

Bei kaum einem Ernährungsthema liegt der deutschsprachige Ratgeber-Markt so weit hinter dem Forschungsstand wie hier. Fast überall wird noch die Geschichte aus den 1990er-Jahren erzählt. Sie ist in zwei entscheidenden Punkten überholt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Reaktive Sauerstoffspezies sind Signalmoleküle. Die Immunabwehr erzeugt sie gezielt — wem das dafür nötige Enzym fehlt, der erkrankt lebensbedrohlich.
  • Beta-Carotin erhöhte bei Rauchern die Lungenkrebsrate um 18 Prozent. Vitamin E erhöhte bei 35.533 gesunden Männern das Prostatakrebsrisiko um 17 Prozent.
  • Genau sieben Nährstoffe tragen in der EU die Angabe zum Zellschutz: Vitamin C, Vitamin E, Riboflavin, Zink, Selen, Kupfer und Mangan. Kupfer und Mangan fehlen auf jeder von uns geprüften deutschen Seite.
  • Die US-Landwirtschaftsbehörde hat ihre ORAC-Datenbank 2012 zurückgezogen — die Grundlage fast aller Superfood-Ranglisten.
  • Im Volltext der EU-Liste: „Antioxidans" 0 Treffer, „antioxidativ" 0, „freie Radikale" 0, „Anti-Aging" 0, „Beta-Carotin" 0.

Was freie Radikale wirklich sind

Die verbreitete Darstellung geht so: Freie Radikale sind aggressive Moleküle, die Zellen angreifen, und Antioxidantien fangen sie ab. Der erste Teil stimmt teilweise, der zweite ist verkürzt — und zusammen ergeben sie ein Bild, das die Redoxbiologie seit Jahren nicht mehr trägt.

Reaktive Sauerstoffspezies sind nicht nur Nebenprodukte, sondern Botenstoffe. Wasserstoffperoxid steuert in geringen Konzentrationen die sogenannte Redox-Signalübertragung: Es verändert gezielt bestimmte Proteine und greift damit in Stoffwechselregulation und Stressantwort ein. Die Forschung unterscheidet deshalb zwischen oxidativem Eustress, also physiologischer Signalgebung, und oxidativem Distress, also tatsächlichem Schaden.

Wie existenziell diese Moleküle sind, zeigt eine seltene Erkrankung: Bei der septischen Granulomatose fehlt ein Enzym, mit dem Immunzellen Sauerstoffradikale zur Bakterienabwehr erzeugen. Betroffene erkranken lebensbedrohlich an Infektionen. Radikale sind also keine Störung des Systems, sondern Teil davon.

Das ändert die Frage. Sie lautet nicht „Wie fange ich möglichst viele Radikale ab?", sondern „Wie halte ich das Gleichgewicht?" — und darauf gibt eine Kapsel eine schlechtere Antwort als ein Teller.

Heidelbeeren, Brombeeren, Granatapfelkerne, Rotkohl, Grünkohl, Paprika, Walnüsse und Olivenöl

Der Paradox-Befund: als Kapsel schädlich

Was folgt, ist die wohl unbequemste Studienreihe der Ernährungsforschung. Alle vier Untersuchungen begannen mit derselben plausiblen Erwartung — und lieferten das Gegenteil.

Studie Teilnehmende Befund
ATBC, 1994 29.133 männliche Raucher Unter Beta-Carotin 18 Prozent mehr Lungenkrebs und 8 Prozent höhere Gesamtsterblichkeit
CARET, 1996 18.314 Raucher, Ex-Raucher und Asbest-Exponierte Lungenkrebsrisiko um 28 Prozent erhöht, Gesamtsterblichkeit um 17 Prozent. Die Studie wurde 21 Monate vor dem geplanten Ende abgebrochen
SELECT, 2011 35.533 gesunde Männer Unter Vitamin E 17 Prozent mehr Prostatakrebs. Absolut: 1,6 zusätzliche Fälle je 1.000 Personenjahre
Cochrane, 2012 78 Studien, 296.707 Teilnehmende Kein Nutzen; in den 56 Studien mit niedrigem Verzerrungsrisiko erhöhte Sterblichkeit

Die Autoren der finnischen Studie formulierten es damals vorsichtig: Der Versuch werfe die Möglichkeit auf, dass diese Präparate tatsächlich schädliche und nicht nur nützliche Wirkungen haben könnten. Die Autoren der amerikanischen Prostatastudie waren zwei Jahrzehnte später deutlicher: Eine Nahrungsergänzung mit Vitamin E erhöhte das Prostatakrebsrisiko bei gesunden Männern signifikant.

Eine Nachauswertung derselben Studie macht es noch komplizierter — und lehrreicher. Der Effekt hing vom Ausgangsstatus ab: Selen schadete Männern, die ohnehin gut mit Selen versorgt waren; Vitamin E schadete Männern mit niedrigem Selenstatus. Die Schlussfolgerung der Autoren lautete, Männer sollten Selen- oder Vitamin-E-Präparate in Dosierungen oberhalb der Zufuhrempfehlungen meiden.

Ein Befund verdient besondere Beachtung, weil er zeigt, wie Durchschnittswerte täuschen können: Eine Auswertung von neun Studien mit 118.765 Teilnehmenden fand unter Vitamin E mehr hämorrhagische Schlaganfälle und weniger ischämische. In der Summe sah das nach „kein Effekt" aus — tatsächlich verbargen sich zwei gegenläufige Effekte dahinter.

Und die ehrliche Gegenrechnung: Es gibt einen gut belegten Fall, in dem eine antioxidative Kombination nützt. Bei bereits bestehender früher oder mittlerer altersabhängiger Makuladegeneration verlangsamt eine bestimmte Kombination aus Vitamin C, E, Beta-Carotin und Zink das Fortschreiten — belegt in einer Cochrane-Auswertung über 26 Studien mit 11.952 Teilnehmenden. Das gilt allerdings für Menschen, die bereits erkrankt sind und augenärztlich betreut werden. Es ist keine Vorbeugung für Gesunde und gehört in die Augenarztpraxis, nicht in einen Ratgeber.

Warum Lebensmittel und Isolat auseinanderfallen

Der Widerspruch ist auffällig: Dieselben Stoffe, die als Kapsel nichts bringen oder schaden, sind als Bestandteil der Ernährung mit besserer Gesundheit verbunden. Eine Auswertung von 69 prospektiven Studien zeigt, dass höhere Zufuhr und höhere Blutspiegel von Vitamin C, Carotinoiden und Vitamin E mit niedrigerem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Gesamtsterblichkeit einhergehen.

Dafür gibt es mehrere Erklärungen, und keine davon ist bewiesen:

  • Der Marker misst etwas anderes als den Wirkstoff. Die Autoren dieser Auswertung schreiben selbst, dass Vitamin C, Carotinoide und Vitamin E im Blut Marker für den Obst- und Gemüsekonsum sind. Wer hohe Werte hat, isst viel Gemüse — und bekommt damit hunderte weitere Stoffe, Ballaststoffe, Kalium und ein anderes Essverhalten dazu.
  • Die Dosis ist eine völlig andere. Die in den Negativstudien eingesetzten Mengen liegen weit über dem, was über Lebensmittel erreichbar ist.
  • Das Gleichgewicht kippt. Wenn Radikale Signalfunktion haben, kann ihr massives Abfangen die Signalgebung stören.
  • Der Wirkmechanismus ist womöglich gar nicht die Antioxidation. Genau das hat auch die US-Behörde als Grund für die ORAC-Rücknahme angeführt.

Dieses Muster — Beobachtungsstudien positiv, Interventionsstudien nicht — kennen wir aus anderen Nährstoffthemen. Bei Vitamin D lässt sich derselbe Bruch beobachten, und er ist dort ähnlich lehrreich.

Antioxidantien und Training

Für alle, die trainieren, ist das der praktisch relevanteste Punkt — und er steht praktisch nirgends.

In einer Studie mit 39 gesunden jungen Männern über vier Wochen trat die trainingsbedingte Verbesserung der Insulinsensitivität nur in der Gruppe ohne hochdosiertes Vitamin C und E auf. Auch die körpereigenen Abwehrenzyme wurden nur ohne die Vitamine hochreguliert.

Eine zweite Studie mit 54 Teilnehmenden über elf Wochen Ausdauertraining zeigt ein differenzierteres Bild: Die maximale Sauerstoffaufnahme stieg in beiden Gruppen gleich stark, die Leistung ebenso. Aber die Zunahme mitochondrialer Marker fiel in der Vitamingruppe aus.

Beide Studien sind klein, und ein Leistungsschaden ist nicht bewiesen. Was sie stützen, ist ein plausibler Mechanismus: Training wirkt zu einem Teil über die dabei entstehenden Radikale, weil es die körpereigene Abwehr trainiert. Wer diesen Reiz wegdämpft, dämpft womöglich auch die Anpassung. Der praktische Schluss ist einfach: Wer trainiert, braucht keine hochdosierten Antioxidantien-Kapseln.

ORAC: die zurückgezogene Datenbank

Wenn du irgendwo eine Rangliste mit „antioxidativer Kapazität" gesehen hast, stand mit hoher Wahrscheinlichkeit ORAC dahinter. Das Verfahren misst im Reagenzglas, wie stark eine Probe den Abbau eines Testmoleküls durch einen Radikalbildner bremst.

Die US-Landwirtschaftsbehörde hat ihre entsprechende Datenbank im Mai 2012 zurückgezogen. Als Begründung wurde angeführt, dass die Werte keine belegbare Bedeutung für die Wirkung einzelner bioaktiver Substanzen haben und routinemäßig von Herstellern und Verbrauchern missbräuchlich verwendet wurden. Die Verbraucherzentrale ordnet ORAC-Werte entsprechend als reine Laborwerte ein, die sich nicht auf den Menschen übertragen lassen — Werbung damit ist irreführend und verboten.

Es gibt noch ein zweites Argument, das ORAC auch ohne Behördenentscheidung entwertet: Die Werte hängen vollständig davon ab, worauf man sie bezieht. Eine Rosine hat pro Gramm einen höheren Wert als die Traube, aus der sie getrocknet wurde — allein weil das Wasser fehlt. Gewürze stehen in Ranglisten oben, werden aber grammweise verwendet. Und Kochen kann den Wert stark senken. Eine Rangliste auf dieser Basis ist beliebig.

Nahaufnahme von frischen Heidelbeeren und Granatapfelkernen in einer weißen Schale

Die sieben Nährstoffe mit EU-Claim

Jetzt der Teil, der praktisch am nützlichsten ist. In der EU dürfen gesundheitsbezogene Angaben nur verwendet werden, wenn sie zugelassen sind. Für den Zellschutz gibt es genau sieben — alle mit demselben Wortlaut:

Nährstoff Zugelassene Angabe
Vitamin C „Vitamin C trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen"
Vitamin E „Vitamin E trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen"
Riboflavin (Vitamin B2) „Riboflavin trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen"
Zink „Zink trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen"
Selen „Selen trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen"
Kupfer „Kupfer trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen"
Mangan „Mangan trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen"
Voraussetzung für alle sieben: Das Lebensmittel muss die Mindestanforderung an eine Nährstoffquelle erfüllen, also mindestens 15 Prozent des Referenzwerts je 100 Gramm beziehungsweise je Portion.

Dazu kommen zwei pflanzliche Angaben. Olivenöl-Polyphenole tragen dazu bei, die Blutfette vor oxidativem Stress zu schützen — zulässig für Olivenöl mit mindestens 5 Milligramm Hydroxytyrosol und Derivaten je 20 Gramm, bei einer täglichen Aufnahme von 20 Gramm Olivenöl. Und Kakaoflavanole fördern die Elastizität der Blutgefäße, was zum normalen Blutfluss beiträgt — bei täglich 200 Milligramm. Der zweite ist streng genommen kein Antioxidantien-Claim, aber er zeigt, dass sekundäre Pflanzenstoffe durchaus eine Angabe bekommen können: mit definierter Substanz, definierter Menge und definiertem Endpunkt.

Und nun die Null-Treffer, denn die sind ein Werkzeug. Im Volltext der Unionsliste finden sich für folgende Begriffe jeweils null Treffer: Antioxidans, antioxidativ, freie Radikale, Zellschutz als Wort, Anti-Aging, Alterung, Falten, Entgiftung, Detox, OPC, Traubenkern, Resveratrol, Astaxanthin, Coenzym Q10, Glutathion, Beta-Carotin, Lycopin, Lutein, Flavonoid, Anthocyan, Quercetin, Curcumin.

Wenn dir also ein Produkt mit „starkem Zellschutz durch Traubenkernextrakt" begegnet, weißt du jetzt, dass es dafür keine zugelassene Angabe gibt. Das Gleiche gilt für Glutathion, das körpereigen eine zentrale Rolle spielt, für das aber keine Angabe existiert — was Glutathion tatsächlich ist und wo es vorkommt, haben wir separat aufgeschrieben. Bemerkenswert ist auch, dass ausgerechnet Beta-Carotin, der Stoff aus den beiden Negativstudien, gar keine zugelassene Angabe hat.

Woher du sie bekommst

Statt einer Rangliste hier die Zuordnung, die tatsächlich trägt: welcher Nährstoff, welche Lebensmittel.

Nährstoff Wichtige Quellen
Vitamin C Paprika, Petersilie, Zitrusfrüchte, Kartoffeln, Spinat, Tomaten
Vitamin E Nüsse und Samen, Weizenkeime, Pflanzenöle und Streichfette, Süßkartoffeln, Kichererbsen, grünes Blattgemüse, Paprika, fettreicher Fisch
Zink Fleisch, Eier, Milchprodukte, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse
Selen Fleisch, Fisch, Eier; pflanzlich Kohl- und Zwiebelgemüse, Pilze, Spargel, Hülsenfrüchte

Zu Zink lohnt eine Ergänzung: Die Aufnahme hängt stark vom Phytatgehalt der Mahlzeit ab, und das macht bei pflanzlichen Quellen einen erheblichen Unterschied. Wie das genau funktioniert und welche Mengen gelten, steht in unserem Zink-Ratgeber.

Über sekundäre Pflanzenstoffe wie Anthocyane, Flavonoide, Lycopin, Sulforaphan oder Allicin lässt sich beschreibend sprechen — welche Stoffgruppe, in welchen Lebensmitteln, was untersucht wird. Eine gesundheitliche Wirkung darf man ihnen nach EU-Recht nicht zuschreiben, weil die EFSA die vorgelegte Evidenz nicht für ausreichend hielt. Das heißt nicht, dass diese Stoffe nutzlos wären. Es heißt, dass der Beweis fehlt. Bei einigen Pflanzenstoffen kommt hinzu, dass eine hohe Dosis nicht automatisch harmlos ist — bei Kurkuma haben wir das genauer aufgeschlüsselt.

Wenn du Lebensmittel suchst, die neben den claim-tragenden Nährstoffen auch aus anderen Gründen interessant sind, findest du in unserer Übersicht zu entzündungshemmenden Lebensmitteln die Einordnung dazu.

In einer Diätphase

Hier fällt ein Teil der klassischen Quellen weg: Nüsse und Samen, Öle, Avocado, Oliven und die meisten Obstsorten sind in einer strengen Diätphase nicht vorgesehen. Damit entfallen praktisch die wichtigsten Vitamin-E-Lieferanten.

Was bleibt, deckt Vitamin C, Zink, Selen und Riboflavin gut ab: Paprika, Tomate, Gurke, grüner Salat, Rosenkohl, Spargel, Champignons, Beeren, Zitrusfrüchte, Rucola, Sauerkraut, Fisch, mageres Fleisch, Ei und Milchprodukte in begrenzter Menge. Vitamin E ist in dieser Phase über Lebensmittel dagegen schwer zu erreichen.

Ein Tipp aus unserer Beratung: Kleine Kohlenhydratquellen wie Beeren sind ein gutes Mittel, um solche Nährstoffe in den Alltag einzubauen — am besten kombiniert mit einer Proteinquelle.

Selen als Sonderfall

Selen hat unter den claim-tragenden Nährstoffen die engste Spanne zwischen zu wenig und zu viel — und eine Geschichte, die kaum jemand erzählt.

Die EFSA hat die tolerierbare Gesamtzufuhr 2023 von 300 auf 255 Mikrogramm pro Tag gesenkt. Kritischer Endpunkt war Haarausfall. Und der Wert wurde aus derselben großen Prostatakrebs-Studie abgeleitet, die auch den Vitamin-E-Befund geliefert hat: Dort traten unter 200 Mikrogramm Selen täglich über Jahre Haarausfall und leichte Hautentzündungen signifikant häufiger auf als unter Placebo.

Zur Bodenfrage, die überall auftaucht: Belegbar ist, dass die Selengehalte pflanzlicher Lebensmittel vom Selengehalt der Böden abhängen und stark schwanken. Nicht belegbar ist der übliche Sprung von dort zu „also hat hier jeder zu wenig". Die DGE stellt im Gegenteil fest, dass das Risiko einer Selenunterversorgung über die Ernährung in Europa selten ist und in der Regel nur bei Erkrankungen besteht, die den Selenstoffwechsel beeinträchtigen. Bei veganer Ernährung gilt Selen allerdings als potenziell kritischer Nährstoff.

Zu Paranüssen, dem beliebtesten Selen-Tipp: Sie sind sehr selenreich, reichern aber auch radioaktives Radium an. Die DGE nennt als Orientierung maximal zwei Stück am Tag.

Fläschchen Olivenöl, Schale mit Walnüssen und Mandeln sowie frischer Grünkohl

Obergrenzen im Überblick

Nährstoff Tolerierbare Gesamtzufuhr BfR-Vorschlag für Nahrungsergänzungsmittel
Vitamin C kein Wert abgeleitet 250 mg/Tag
Vitamin E 300 mg/Tag 30 mg/Tag
Beta-Carotin in Überarbeitung 3,5 mg/Tag
Zink 25 mg/Tag 6,5 mg/Tag
Selen 255 µg/Tag 40 µg/Tag
Kupfer 1 mg/Tag
Mangan in Überarbeitung 0,5 mg/Tag

Zwei Hinweise zum richtigen Lesen dieser Tabelle. Erstens sind die BfR-Werte Vorschläge an das Risikomanagement, keine geltenden Höchstmengen. Zweitens ist der Abstand zwischen beiden Spalten teilweise erheblich, weil das BfR die Zufuhr aus der normalen Ernährung und die Möglichkeit mehrfacher Einnahme mitrechnet.

Zur Einordnung der Studien oben: Die Beta-Carotin-Dosen in den beiden Negativstudien lagen bei 20 und 30 Milligramm täglich — ein Vielfaches des BfR-Vorschlags. Und das BfR formuliert zu Vitamin E ausdrücklich, dass Männer ab 55 Jahren für das Prostatakrebsrisiko einer unkontrollierten Supplementierung sensibilisiert werden sollten.

Ein letzter Hinweis, der wichtig ist: Fachgesellschaften raten von hochdosierten Antioxidantien während einer Tumortherapie ab. Wenn dich das betrifft, sprich jede Nahrungsergänzung bitte mit deiner behandelnden Praxis ab.

Häufige Fragen

Was sind Antioxidantien?

Antioxidantien sind Stoffe, die andere Moleküle vor Oxidation schützen können. Dazu gehören körpereigene Enzymsysteme sowie Nährstoffe aus der Nahrung wie Vitamin C, Vitamin E, Riboflavin, Zink, Selen, Kupfer und Mangan. Rechtlich ist der Begriff in der EU allerdings kein zugelassener Werbebegriff: „Antioxidans" und „antioxidativ" kommen in der Liste der zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben gar nicht vor.

Was machen freie Radikale im Körper?

Beides. Sie können Zellbestandteile schädigen, sind aber gleichzeitig unverzichtbare Signalmoleküle. Wasserstoffperoxid steuert in geringen Konzentrationen die Redox-Signalübertragung und damit Stoffwechselregulation und Stressantwort. Die Immunabwehr nutzt Sauerstoffradikale gezielt gegen Bakterien — Menschen, denen das dafür nötige Enzym fehlt, erkranken lebensbedrohlich. Die Forschung unterscheidet deshalb zwischen nützlichem und schädigendem oxidativem Stress.

Sind Antioxidantien-Kapseln sinnvoll?

Für gesunde Menschen nach der Studienlage nicht. In großen randomisierten Studien erhöhte Beta-Carotin bei Rauchern die Lungenkrebsrate, Vitamin E erhöhte bei 35.533 gesunden Männern das Prostatakrebsrisiko, und eine Cochrane-Auswertung über 78 Studien mit 296.707 Teilnehmenden fand in den methodisch besten Studien eine erhöhte Sterblichkeit. Dieselben Stoffe als Lebensmittel sind dagegen mit niedrigerer Sterblichkeit verbunden.

Was sind ORAC-Werte und taugen sie etwas?

ORAC ist ein Laborverfahren, das die antioxidative Kapazität einer Probe im Reagenzglas misst. Es war die Grundlage fast aller Superfood-Ranglisten. Die US-Landwirtschaftsbehörde hat ihre ORAC-Datenbank 2012 zurückgezogen, weil die Werte keine belegbare Bedeutung für den Menschen haben und routinemäßig für Werbung missbraucht wurden. Die Verbraucherzentrale bezeichnet Werbung mit ORAC-Werten als irreführend und verboten.

Welche Lebensmittel enthalten viele Antioxidantien?

Sinnvoller als eine Rangliste ist der Blick auf die Nährstoffe mit belegtem Zellschutz-Beitrag. Vitamin C steckt in Paprika, Zitrusfrüchten, Petersilie, Kartoffeln, Spinat und Tomaten. Vitamin E in Nüssen, Samen, Weizenkeimen, Pflanzenölen und grünem Blattgemüse. Zink in Fleisch, Eiern, Milchprodukten, Hülsenfrüchten und Vollkorn. Selen in Fleisch, Fisch, Eiern, Kohl- und Zwiebelgemüse, Pilzen und Spargel.

Sollte man beim Sport Antioxidantien nehmen?

Es gibt Hinweise, dass hochdosierte Antioxidantien einen Teil der erwünschten Trainingsanpassung ausbremsen. In einer Studie trat die trainingsbedingte Verbesserung der Insulinsensitivität nur ohne hochdosiertes Vitamin C und E auf. In einer zweiten Studie über elf Wochen blieb die Ausdauerleistung zwar gleich, die Zunahme mitochondrialer Marker fiel in der Vitamingruppe aber aus. Beide Studien sind klein, aber der Mechanismus ist plausibel.

Wie viel Selen ist zu viel?

Die EFSA hat die tolerierbare Gesamtzufuhr 2023 von 300 auf 255 Mikrogramm pro Tag gesenkt. Kritischer Endpunkt war Haarausfall. Abgeleitet wurde der Wert ausgerechnet aus derselben großen Studie, die auch den Vitamin-E-Befund lieferte. Das BfR schlägt für Nahrungsergänzungsmittel eine Höchstmenge von 40 Mikrogramm je Tagesverzehrempfehlung vor — das ist allerdings ein Vorschlag an das Risikomanagement, keine geltende Höchstmenge.

Weiterlesen

Quellen

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  • EFSA. Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium. EFSA Journal 2023, DOI 10.2903/j.efsa.2023.7704
  • BfR. Stellungnahme Nr. 010/2024: Höchstmengenvorschläge für Selen in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln; BfR-Höchstmengenvorschläge 2021
  • DGE, Referenzwerte und Fachinformationen zu Selen, Vitamin C, Vitamin E und Zink; Verbraucherzentrale zu Antioxidantien und ORAC
  • Verordnung (EU) Nr. 432/2012, konsolidierte deutsche Fassung, Anhang; Verordnung (EG) Nr. 1924/2006, Anhang

Dieser Artikel ordnet die Studienlage ein und dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche oder ernährungstherapeutische Beratung, stellt keine Diagnose und enthält keine Empfehlung zur Einnahme oder Dosierung von Nahrungsergänzungsmitteln. Bei bestehenden Erkrankungen, während einer Tumortherapie, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme sprich Nahrungsergänzung bitte vorher ärztlich ab.