Dauerhaft abnehmen gelingt über ein Energiedefizit, das sich durchhalten lässt – nicht über ein bestimmtes Mittel und nicht über eine bestimmte Diätform. Die deutsche Leitlinie nennt dafür eine konkrete Größenordnung: etwa 500 bis 600 Kilokalorien Defizit pro Tag, woraus über zwölf Monate ein Gewichtsverlust von 5 bis 6 Kilogramm zu erwarten ist – unabhängig davon, welche Ernährungsform gewählt wird. Entscheidend ist nicht die Wahl, sondern das Durchhalten.
Dieser Text nennt Zahlen, die auf den meisten Abnehmseiten fehlen: wie viel Gewicht im Mittel zurückkommt, welche vier beliebten Tipps in der aktuellen Leitlinie ausdrücklich unter „unzureichende Evidenz“ stehen, was die berühmte Studie zum ruinierten Stoffwechsel wirklich gezeigt hat – und warum niemand in Deutschland damit werben darf, wie viele Kilo in wie vielen Wochen fallen.
Das Wichtigste in Kürze
- 500 bis 600 Kilokalorien Defizit pro Tag nennt die S3-Leitlinie, Erwartungswert 5 bis 6 Kilogramm nach zwölf Monaten. Das ist deutlich weniger, als der Markt verspricht – und realistisch.
- Die Diätform ist zweitrangig. In einer Netzwerk-Meta-Analyse über 48 Studien lagen Low Carb und Low Fat nach zwölf Monaten praktisch gleichauf.
- Frühstück, Motivation und soziale Unterstützung stehen in der Leitlinie in der Kategorie „unzureichende Evidenz“ – obwohl sie in fast jedem Ratgeber ganz oben stehen.
- „Der Stoffwechsel ist danach kaputt“ ist nicht belegt. In der meistzitierten Studie dazu war die Stoffwechselverlangsamung nicht mit der Wiederzunahme verknüpft.
- Nahrungsergänzungsmittel trugen in einer Auswertung von 3.017 Teilnehmenden genau 0,0 Kilogramm zum Halten des Gewichts bei. Mahlzeitersatz und eine eiweißreiche Kost dagegen messbar viel.
- Es gibt in der EU genau drei zugelassene Angaben zum Abnehmen – und keine einzige für grünen Tee, Apfelessig, Ingwer, Zimt oder Garcinia.
Inhalt
- Was tatsächlich funktioniert
- Vier beliebte Tipps ohne ausreichende Evidenz
- Wie viel Gewicht kommt zurück?
- Ist der Stoffwechsel danach kaputt?
- Die „natürlichen“ Helfer im Faktencheck
- Was nach der Abnahmephase hilft
- Warum niemand Kilo pro Woche versprechen darf
- Was du konkret tun kannst
- Häufige Fragen
Was tatsächlich funktioniert
Das Energiedefizit ist die einzige nicht verhandelbare Größe
Die deutsche S3-Leitlinie zur Adipositas ist an dieser Stelle ungewöhnlich konkret. Sie empfiehlt ein tägliches Energiedefizit von etwa 500 bis 600 Kilokalorien oder alternativ ein individuell ermitteltes Defizit. Im Hintergrundtext steht, was daraus zu erwarten ist: rund ein halbes Kilogramm pro Woche über maximal drei Monate, und über zwölf Monate ein Gewichtsverlust von 5 bis 6 Kilogramm – unabhängig von der Art der Ernährungstherapie.S3-Leitlinie Adipositas 2024
Nach drei bis sechs Monaten stellt sich laut Leitlinie meist ein neues Gleichgewicht ein. Ab da geht es nicht mehr ums Abnehmen, sondern ums Halten. Das ist der Punkt, an dem die meisten Ratgeber aufhören und an dem die eigentliche Arbeit beginnt.
Welche Diät, ist fast egal – ob du sie durchhältst, ist alles
Das ist die am besten belegte und am seltensten ausgesprochene Erkenntnis des ganzen Themenfelds.
| Untersuchung | Umfang | Ergebnis nach zwölf Monaten |
|---|---|---|
| Netzwerk-Meta-Analyse Johnston et al. 2014 |
48 randomisierte Studien, 7.286 Teilnehmende | Low Carb 7,25 kg, Low Fat 7,27 kg. Die Unterschiede zwischen einzelnen benannten Diäten waren gering. |
| DIETFITS Gardner et al. 2018 |
609 Teilnehmende, randomisiert | −5,3 kg fettarm gegenüber −6,0 kg kohlenhydratarm. Weder Genmuster noch Insulinausschüttung sagten vorher, wem welche Diät hilft. |
| Dansinger et al. 2005 | 160 Teilnehmende, vier bekannte Diäten | Der Gewichtsverlust hing an der Adhärenz, nicht am Diättyp. |
Bei Dansinger korrelierte der Gewichtsverlust mit der selbst berichteten Einhaltung des Plans deutlich, mit der Wahl der Diät praktisch gar nicht. Diese eine Studie ist klein und die Einhaltung war selbst berichtet – die Richtung der Aussage ist aber durch drei weitere, größere Untersuchungen unabhängig gestützt.Johnston 2014; Gardner 2018; Sacks 2009
Daraus folgt eine unbequeme Konsequenz für jeden Diätvergleich: Die beste Diät ist nicht die mit dem besten Mechanismus, sondern die, die du in deinem Alltag tatsächlich einhalten kannst.
Eiweiß: nicht zum Abnehmen, sondern zum Behalten
In einer Auswertung von 24 randomisierten Studien mit 1.063 Teilnehmenden führte eine eiweißreichere Kost bei gleicher Kalorienzahl zu 0,79 Kilogramm mehr Gewichtsverlust – ein kleiner Effekt, dessen Vertrauensbereich fast bis null reicht. Bemerkenswerter sind zwei andere Zahlen aus derselben Arbeit: 0,87 Kilogramm mehr Fettmasse verloren und 0,43 Kilogramm mehr fettfreie Masse behalten.Wycherley et al. 2012
Das ist das eigentliche Argument für Eiweiß in einer kalorienreduzierten Phase. Nicht „Eiweiß verbrennt Fett“, sondern: Bei gleichem Gewichtsverlust geht mehr davon auf das Konto von Fett und weniger auf das von Muskulatur. Die häufig genannte Zielmenge von 1,2 bis 1,6 Gramm je Kilogramm Körpergewicht stammt aus einer Übersichtsarbeit, deren Erscheinen von der Fleisch-, Ei- und Molkereiwirtschaft finanziert wurde – die Zahl ist brauchbar, sollte aber nicht als unabhängige Empfehlung verkauft werden.
Bewegung: schwach zum Abnehmen, stark zum Halten
Training allein bringt beim Abnehmen wenig. Über zwölf systematische Übersichtsarbeiten hinweg lag die zusätzliche Gewichtsabnahme durch Training bei 1,5 bis 3,5 Kilogramm, unabhängig von der Trainingsart.
Beim Halten dreht sich das Bild. Eine Meta-Analyse über 45 Studien mit 7.788 Menschen, die zuvor mindestens 5 Prozent ihres Gewichts verloren hatten, fand für Programme, die Ernährung und Bewegung gemeinsam adressieren, 1,56 Kilogramm weniger Wiederzunahme nach einem Jahr. Der entscheidende Satz der Leitlinie dazu: Für Interventionen, die sich nur auf Ernährung oder nur auf Bewegung konzentrierten, ließ sich keine Wirksamkeit nachweisen.Dombrowski et al. 2014

Vier beliebte Tipps ohne ausreichende Evidenz
Die S3-Leitlinie fasst in einer Tabelle 67 Längsschnittstudien danach zusammen, welche Faktoren das Halten des Gewichts beeinflussen – sortiert nach Evidenzstärke. Vier Ratschläge, die in fast jedem Abnehmartikel stehen, landen dort in der Kategorie unzureichende Evidenz:
- Frühstücken. Die Datenlage zur Einnahme des Frühstücks ist heterogen.
- Motivation. Als Prädiktor für langfristigen Erfolg nicht ausreichend belegt.
- Soziale Unterstützung. Ebenfalls nicht ausreichend belegt.
- Viel Wasser trinken. Der Wasserkonsum insgesamt steht in derselben Kategorie.
Das heißt nicht, dass diese Dinge schaden. Es heißt: Sie sind nicht der Hebel, als der sie verkauft werden. Wer sein Frühstück mag, soll frühstücken. Wer lieber später isst, verliert dadurch keinen Vorteil.
Was dagegen mittlere bis hohe Evidenz hat: Portionskontrolle, weniger hochverarbeitete und energiedichte Lebensmittel, weniger zuckergesüßte Getränke und Fruchtsäfte, mehr Gemüse und Obst, mehr Eiweiß, mehr Bewegung, regelmäßige Selbstbeobachtung von Gewicht und Essverhalten – und ein hohes Selbstwirksamkeitserleben.S3-Leitlinie, Tabelle 12
Wie viel Gewicht kommt zurück?
In einer zweijährigen Nachbeobachtung von 171 Frauen, die im Mittel 12 Kilogramm abgenommen hatten, war nach einem Jahr rund die Hälfte und nach zwei Jahren fast das gesamte verlorene Gewicht wieder da. In der Look-AHEAD-Studie mit über 5.000 Teilnehmenden hielt nach acht Jahren dagegen jede zweite Person mindestens 5 Prozent Gewichtsverlust. Beide Zahlen stimmen – die Streuung zwischen einzelnen Menschen ist größer als jeder Mittelwert.
| Untersuchung | Zeitraum | Ergebnis |
|---|---|---|
| Martins et al. 2020, 171 Frauen | 2 Jahre | nach 1 Jahr 52 % des verlorenen Gewichts wieder zugenommen, nach 2 Jahren 89 % |
| Look AHEAD, 5.145 Teilnehmende mit Typ-2-Diabetes | 8 Jahre | im Mittel 4,7 % Gewichtsverlust gehalten; 50,3 % hielten mindestens 5 %, 26,9 % mindestens 10 % |
| Diabetes Prevention Program | Jahre 6 bis 15 | bei denen, die im ersten Jahr mindestens 5 % verloren hatten: 3,7 % dauerhaft gehalten in der Lebensstilgruppe |
Bei Martins ist die Standardabweichung fast so groß wie der Mittelwert. Das ist keine Schwäche der Studie, sondern die eigentliche Botschaft: Manche halten alles, manche nichts, und der Durchschnitt beschreibt niemanden.
Die „nur 20 Prozent schaffen es“-Zahl stimmt so nicht
Diese Zahl kursiert überall und wird fast immer falsch herum zitiert. Sie stammt aus einer Übersichtsarbeit von 2001, in der die Autoren zunächst eine Definition vorschlugen – mindestens 10 Prozent des Ausgangsgewichts absichtlich verloren und mindestens ein Jahr gehalten – und dann schätzten, dass „vielleicht mehr als 20 Prozent“ der Übergewichtigen das schaffen. Die Aussage war ausdrücklich optimistisch gemeint, als Gegenrede gegen die Vorstellung, es gelinge praktisch niemandem.Wing & Hill 2001
Wer daraus „nur 20 Prozent schaffen es dauerhaft“ macht, kehrt die Aussage der Quelle um und verlängert den Zeitraum stillschweigend von einem Jahr auf unbestimmt.
Zum bekanntesten Register der Erfolgreichen. Das National Weight Control Registry sammelt Menschen, die mindestens 13,6 Kilogramm abgenommen und mindestens ein Jahr gehalten haben. Es beschreibt gut, was Erfolgreiche tun – etwa rund eine Stunde Bewegung am Tag und regelmäßiges Wiegen. Es kann aber grundsätzlich keine Erfolgsquote liefern: Es meldet sich nur, wer erfolgreich war, es gibt keine Kontrollgruppe, alle Angaben sind Selbstauskunft, und die Stichprobe ist zu 78 Prozent weiblich und nicht bevölkerungsrepräsentativ.

Ist der Stoffwechsel danach kaputt?
Nein. Der Energieverbrauch sinkt nach einer Gewichtsabnahme tatsächlich – aber der größte Teil davon erklärt sich schlicht damit, dass ein leichterer Körper weniger verbraucht. Darüber hinaus existiert eine messbare Restanpassung, deren Größe stark vom Kontext abhängt. Dass ausgerechnet diese Restanpassung die Wiederzunahme verursacht, ist nicht belegt – die Daten sprechen eher dagegen.
Die Studie, auf die sich fast jeder beruft, ist die Nachbeobachtung von 14 Teilnehmenden einer amerikanischen Fernseh-Abnehmshow. Sechs Jahre nach dem Wettbewerb lag ihr Ruheumsatz rund 500 Kilokalorien pro Tag unter dem, was ihre Körperzusammensetzung erwarten ließ.Fothergill et al. 2016
Was in der Berichterstattung fast immer fehlt, steht in derselben Arbeit: Die Wiederzunahme war nicht signifikant mit der Stoffwechselverlangsamung verknüpft. Und wer nach sechs Jahren am meisten Gewicht gehalten hatte, zeigte die stärkste Verlangsamung. Die Studie zeigt also nicht, was ihr überall zugeschrieben wird.
Eine zwölfmal größere Untersuchung an 171 Frauen unter normalen Bedingungen fand eine zusätzliche Absenkung von rund 54 Kilokalorien pro Tag – und nach einem beziehungsweise zwei Jahren war sie nicht mehr nachweisbar. Der Titel dieser Arbeit sagt alles: Die metabolische Anpassung ist kein wesentliches Hindernis für das Halten des Gewichts.Martins et al. 2020
Der Letztautor der Fernsehstudie hat sie 2022 selbst neu eingeordnet: Die Teilnehmenden hätten ihre körperliche Aktivität massiv und dauerhaft gesteigert, und der Körper habe darauf womöglich mit einer Senkung des Ruheumsatzes reagiert, um den Gesamtverbrauch konstant zu halten. Wenn das stimmt, war die Anpassung eher eine Folge des extremen Trainings als des Abnehmens.Hall 2022
Was du daraus mitnehmen kannst
Richtig ist: Nach einer Gewichtsabnahme brauchst du weniger Energie als vorher. Wer 10 Kilogramm weniger wiegt, bewegt bei jedem Schritt 10 Kilogramm weniger.
Falsch ist: dass dein Stoffwechsel dauerhaft beschädigt wird oder dass er der Grund ist, warum das Gewicht zurückkommt.
Praktisch heißt das: Der Kalorienbedarf nach der Abnahme ist niedriger als der davor. Wer danach isst wie vorher, nimmt zu – nicht wegen eines kaputten Stoffwechsels, sondern weil die Rechnung eine andere geworden ist.
Die „natürlichen“ Helfer im Faktencheck
Bei „natürlich abnehmen“ landen viele bei Hausmitteln. Hier steht, was zu jedem davon tatsächlich untersucht ist.
| Mittel | Beste verfügbare Evidenz | Effekt auf das Körpergewicht |
|---|---|---|
| Grüner Tee | Cochrane-Review | 0,04 kg, nicht signifikant |
| Apfelessig | Meta-Analyse 2025 | nicht belastbar – siehe unten |
| Ingwer | zwei widersprüchliche Meta-Analysen | 0 bis 1,52 kg, Aussagesicherheit niedrig |
| Zimt | Übersicht über Meta-Analysen | 0,67 kg bei sehr großer Streuung |
| Capsaicin aus Chili | Akutstudien | keine belastbaren Langzeitdaten |
| Garcinia Cambogia | Meta-Analyse | 0,88 kg, Vertrauensbereich berührt null; dokumentierte Sicherheitsprobleme |
| Glucomannan | unabhängige Meta-Analyse | 0,22 kg, nicht signifikant – trotz zugelassener EU-Angabe |
| Flohsamen | Meta-Analyse, 22 Studien | 0,28 kg, nicht signifikant |
| Zitronenwasser, Ananas | keine Humanstudien zum Gewicht | — |
Der Apfelessig-Fall gehört ausführlicher erzählt
Die Studie, die 2024 durch die Presse ging und Apfelessig einen deutlichen Abnehmeffekt bescheinigte, wurde 2025 vom Journal zurückgezogen. Die aktuellste Meta-Analyse zum Thema schließt sie trotzdem noch ein – der dort ausgewiesene gepoolte Effekt ist damit nicht verwertbar. In keinem der geprüften deutschsprachigen Ratgeber steht dieser Hinweis.Retraktion 2025
Und der bemerkenswerteste Widerspruch
Glucomannan ist der einzige Einzelstoff mit einer in der EU zugelassenen Angabe zur Gewichtsabnahme. Die unabhängige Meta-Analyse dazu fand 0,22 Kilogramm Unterschied und damit keinen signifikanten Effekt. Zugelassene Angabe und belastbarer Nutzen sind offenkundig zwei verschiedene Dinge.
Die aktuelle S3-Leitlinie zieht daraus eine klare Konsequenz und rät in einer eigenen Empfehlung mit 88 Prozent Konsens von Nahrungsergänzungsmitteln zur Gewichtskontrolle ab. Namentlich genannt werden unter anderem Garcinia Cambogia, Glucomannan, Chitosan, Chrompicolinat und Flohsamen.

Was nach der Abnahmephase hilft
Hier liegt die interessanteste Zahlenreihe des ganzen Themas, und sie stammt aus einer Meta-Analyse von 20 Studien mit 3.017 Teilnehmenden. Alle hatten zuvor eine stark kalorienreduzierte Phase mit einem mittleren Gewichtsverlust von 12,3 Kilogramm hinter sich. Verglichen wurde, was danach das Halten verbessert:Johansson et al. 2014
| Strategie | zusätzlich gehaltenes Gewicht |
|---|---|
| Mahlzeitersatz | +3,9 kg |
| Eiweißreiche Kost | +1,5 kg |
| Bewegung allein | +0,8 kg, nicht signifikant |
| Nahrungsergänzungsmittel | 0,0 kg |
Der Wert für Nahrungsergänzungsmittel ist exakt null, mit einem symmetrisch um null liegenden Vertrauensbereich. Das ist die ehrliche Antwort auf die Frage, ob Kapseln beim Halten helfen.
Die Gegenrichtung ist genauso deutlich: Struktur wirkt. Eine in der Leitlinie zitierte Meta-Analyse über 23 Studien mit 7.884 Teilnehmenden fand für Mahlzeitenersatz nach zwölf Monaten einen um 1,44 Kilogramm größeren Gewichtsverlust als bei moderat energiereduzierter Kost – mit zusätzlicher Betreuung deutlich mehr.
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Stoffwechselkur ansehenWas wir umgekehrt nicht behaupten: dass unsere Nahrungsergänzungsmittel ein Abnehmwirkstoff wären. Die Zahl oben steht auch für uns.
Warum niemand Kilo pro Woche versprechen darf
Wer nach „garantiert abnehmen“ sucht, stößt auf Seiten, die genau das versprechen. In der EU ist das für Lebensmittel unzulässig.
Die europäische Health-Claims-Verordnung verbietet in Artikel 12 ausdrücklich Angaben über Dauer und Ausmaß der Gewichtsabnahme. Das ist ein Verbot ohne Gegenbeweismöglichkeit: Selbst eine zutreffende Angabe bleibt unzulässig.
Ein Oberlandesgericht hat 2015 entschieden, dass dieses Verbot auch dann greift, wenn die Kilo- und Zeitangaben aus Erfahrungsberichten von Kundinnen und Kunden stammen und wenn die Zeitangabe unpräzise ist. Formulierungen wie „innerhalb weniger Monate“ genügen bereits, weil sie suggerieren, in überschaubarer Zeit sei eine erhebliche Reduktion möglich.OLG Celle, 22.10.2015, 13 U 47/15
Die drei einzigen zugelassenen Angaben
Im gesamten Anhang der Verordnung (EU) Nr. 432/2012 stehen genau drei Angaben, die auf Gewichtsverlust oder Gewichtserhalt zielen:
- „Glucomannan trägt im Rahmen einer kalorienarmen Ernährung zu Gewichtsverlust bei“ – gebunden an 1 Gramm je Portion und 3 Gramm täglich in drei Portionen, jeweils mit ein bis zwei Gläsern Wasser vor den Mahlzeiten.
- „Das Ersetzen von zwei der täglichen Hauptmahlzeiten im Rahmen einer kalorienarmen Ernährung durch einen solchen Mahlzeitersatz trägt zu Gewichtsabnahme bei“ – gebunden an eine ganze Reihe von Zusammensetzungsbedingungen.
- „Das Ersetzen von einer der täglichen Hauptmahlzeiten im Rahmen einer kalorienarmen Ernährung durch einen solchen Mahlzeitersatz trägt dazu bei, das Gewicht nach Gewichtsabnahme zu halten“ – dieselben Bedingungen.
Für grünen Tee, Apfelessig, Ingwer, Zimt, Capsaicin, Garcinia und Flohsamen ergab die Volltextsuche im Anhang jeweils null Treffer. Wer damit für eine Gewichtsabnahme wirbt, wirbt unzulässig.
Was du konkret tun kannst
1Ein Defizit wählen, das du aushältst. Die Leitlinie nennt 500 bis 600 Kilokalorien pro Tag. Wer aggressiver einsteigt, verliert schneller und bricht häufiger ab.
2Eiweiß hochziehen. Nicht damit es schneller geht, sondern damit vom verlorenen Gewicht mehr Fett und weniger Muskulatur ist.
3Getränke zuerst. Der Rückgang zuckergesüßter Getränke und Fruchtsäfte gehört zu den Faktoren mit mittlerer bis hoher Evidenz – und er kostet fast keine Umstellung im Essverhalten.
4Portionen sichtbar machen. Portionskontrolle steht in derselben Kategorie. Für die ersten Wochen reicht Abwiegen, danach reicht das Auge meist.
5Regelmäßig wiegen. In 17 Längsschnittstudien war regelmäßiges Selbstwiegen mit mehr Gewichtsverlust verbunden, ohne nachweisbare psychische Nachteile. Es ist eine Beobachtung, keine Wunderwaffe – aber es kostet nichts.
6Bewegung dazunehmen, aber nicht als Abnehmwerkzeug. Sie zahlt sich vor allem beim Halten aus. 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung pro Woche plus Krafttraining an mindestens zwei Tagen.
7Die Zeit nach der Abnahme mitplanen. Wer nur die Diätphase plant, plant den Rückfall gleich mit.
Häufige Fragen
Wie kann man natürlich abnehmen?
Über ein Energiedefizit, das sich im Alltag durchhalten lässt. Die deutsche Leitlinie nennt etwa 500 bis 600 Kilokalorien pro Tag und erwartet daraus 5 bis 6 Kilogramm nach zwölf Monaten – unabhängig von der gewählten Ernährungsform. Hilfreich sind weniger zuckergesüßte Getränke, kontrollierte Portionen, mehr Eiweiß und Gemüse sowie regelmäßige Bewegung.
Wie nehme ich dauerhaft ab, ohne wieder zuzunehmen?
Indem die Zeit nach der Abnahmephase von Anfang an mitgeplant wird. In einer Meta-Analyse über 45 Studien wirkten nur Programme, die Ernährung und Bewegung gemeinsam adressierten; für Ansätze mit nur einem der beiden ließ sich keine Wirksamkeit nachweisen. Struktur, eine eiweißbetonte Kost und regelmäßige Selbstbeobachtung sind die am besten belegten Bausteine.
Wie viel Gewicht nimmt man nach einer Diät wieder zu?
Das schwankt stark. In einer Nachbeobachtung von 171 Frauen waren nach einem Jahr rund die Hälfte und nach zwei Jahren fast das gesamte verlorene Gewicht wieder da. In der Look-AHEAD-Studie hielt nach acht Jahren dagegen jede zweite Person mindestens 5 Prozent. Die Streuung zwischen einzelnen Menschen ist größer als jeder Mittelwert.
Ist der Stoffwechsel nach einer Diät kaputt?
Nein. Der Energieverbrauch sinkt, aber überwiegend deshalb, weil ein leichterer Körper weniger verbraucht. Eine zusätzliche Restanpassung existiert, lag in einer Untersuchung an 171 Frauen aber bei rund 54 Kilokalorien pro Tag und war nach ein bis zwei Jahren nicht mehr messbar. Dass sie die Wiederzunahme verursacht, ist nicht belegt.
Welche Hausmittel helfen wirklich beim Abnehmen?
Keines davon in relevantem Ausmaß. Für grünen Tee fand ein Cochrane-Review 0,04 Kilogramm Unterschied, für Flohsamen 0,28 und für Glucomannan 0,22 Kilogramm – alle nicht signifikant. Die vielzitierte Apfelessig-Studie von 2024 wurde 2025 zurückgezogen. Die aktuelle Leitlinie rät von Nahrungsergänzungsmitteln zur Gewichtskontrolle ausdrücklich ab.
Wie viel Eiweiß beim Abnehmen?
Häufig genannt werden 1,2 bis 1,6 Gramm je Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Der Nutzen liegt weniger im schnelleren Abnehmen – in einer Auswertung von 24 Studien waren es 0,79 Kilogramm mehr – als darin, dass mehr Fett und weniger Muskulatur verloren geht.
Warum darf niemand mit Kilo pro Woche werben?
Weil die europäische Health-Claims-Verordnung Angaben über Dauer und Ausmaß der Gewichtsabnahme für Lebensmittel ausdrücklich verbietet. Ein Oberlandesgericht hat 2015 entschieden, dass das auch für Kilo- und Zeitangaben in Erfahrungsberichten von Kundinnen und Kunden gilt und dass selbst vage Zeitangaben wie „innerhalb weniger Monate“ genügen.
Muss ich frühstücken, um abzunehmen?
Nach der aktuellen S3-Leitlinie nicht. Die Einnahme des Frühstücks steht dort in der Kategorie unzureichende Evidenz – ebenso wie Motivation, soziale Unterstützung und der Wasserkonsum insgesamt. Wer gern frühstückt, soll es tun; wer lieber später isst, verliert dadurch keinen belegten Vorteil.
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Wie du eine Umstellung praktisch angehst, steht im Beitrag zur Ernährungsumstellung. Warum das Gewicht zwischendurch stehen bleibt, erklärt der Ratgeber zum Kaloriendefizit, und wie du nach der Diät nicht wieder zunimmst, steht unter Gewicht halten nach der Diät. Was von Entgiftungskuren zu halten ist, klärt der zugehörige Beitrag, und was eine Gewichtsabnahme mit dem Hautbild macht, steht unter Cellulite: Ursachen und Entstehung.
Quellen
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft u. a. S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas, AWMF-Registernummer 050/001, Version 5.0, Oktober 2024.
- Johnston BC et al. Comparison of weight loss among named diet programs in overweight and obese adults. JAMA 2014;312(9):923–933.
- Gardner CD et al. Effect of Low-Fat vs Low-Carbohydrate Diet on 12-Month Weight Loss (DIETFITS). JAMA 2018;319(7):667–679.
- Dansinger ML et al. Comparison of the Atkins, Ornish, Weight Watchers, and Zone diets. JAMA 2005;293(1):43–53.
- Wycherley TP et al. Effects of energy-restricted high-protein, low-fat compared with standard-protein, low-fat diets. Am J Clin Nutr 2012;96(6):1281–1298.
- Dombrowski SU et al. Long term maintenance of weight loss with non-surgical interventions in obese adults. BMJ 2014;348:g2646.
- Martins C et al. Metabolic adaptation is not a major barrier to weight-loss maintenance. Am J Clin Nutr 2020;112(3):558–565.
- Look AHEAD Research Group. Eight-year weight losses with an intensive lifestyle intervention. Obesity 2014;22(1):5–13.
- Apolzan JW et al. Long-Term Weight Loss With Metformin or Lifestyle Intervention in the Diabetes Prevention Program Outcomes Study. Ann Intern Med 2019;170(10):682–690.
- Wing RR, Hill JO. Successful weight loss maintenance. Annu Rev Nutr 2001;21:323–341.
- Thomas JG et al. Weight-loss maintenance for 10 years in the National Weight Control Registry. Am J Prev Med 2014;46(1):17–23.
- Fothergill E et al. Persistent metabolic adaptation 6 years after „The Biggest Loser“ competition. Obesity 2016;24(8):1612–1619.
- Hall KD. Energy compensation and metabolic adaptation: „The Biggest Loser“ study reinterpreted. Obesity 2022;30(1):11–13.
- Johansson K, Neovius M, Hemmingsson E. Effects of anti-obesity drugs, diet, and exercise on weight-loss maintenance after a very-low-calorie diet or low-calorie diet. Am J Clin Nutr 2014;99(1):14–23.
- Zheng Y et al. Self-weighing in weight management: a systematic literature review. Obesity 2015;23(2):256–265.
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- Onakpoya I et al. The efficacy of Garcinia extract on weight loss. J Obes 2011;2011:509038. Ders., Glucomannan supplementation and body weight. J Am Coll Nutr 2014;33(1):70–78.
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012, konsolidierte Fassung, Anhang. Verordnung (EG) Nr. 1924/2006, Artikel 12.
- Oberlandesgericht Celle, Urteil vom 22.10.2015, Aktenzeichen 13 U 47/15.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder ernährungsmedizinische Beratung. Vor einer stark kalorienreduzierten Ernährung, bei bestehenden Erkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei der Einnahme von Medikamenten sollte ärztlicher Rat eingeholt werden. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Die genannten Studienergebnisse sind Durchschnittswerte aus Untersuchungsgruppen und lassen sich nicht ohne Weiteres auf einzelne Personen übertragen.








