Der beste Beleg im ganzen Themenfeld ist zugleich der einfachste: Dehnen. Beim akuten Krampf beendet die statische Dehnung des betroffenen Muskels den Krampf über einen Reflexmechanismus, und genau das empfiehlt auch die deutsche Leitlinie als Erstmaßnahme. Für Magnesium bei nächtlichen Wadenkrämpfen älterer Menschen fand ein Cochrane-Review dagegen keinen bedeutsamen Nutzen.
Fast jede Seite zu diesem Thema landet nach zwei Absätzen bei Magnesium. Hier stehen stattdessen die Zahlen: was die Cochrane-Reviews gemessen haben, welches Erklärungsmodell die Beschwerden besser erklärt, welche Medikamente auffällig häufig vorher verordnet wurden – und was sich heute Abend konkret tun lässt.
Das Wichtigste in Kürze
- Dehnen wirkt in Sekunden, weil es über die Sehnenspannung einen hemmenden Reflex auslöst. Kein Getränk kann in dieser Zeit etwas am Mineralstoffhaushalt ändern.
- Magnesium: Responderrate 1,04 gegenüber Placebo, in der Cochrane-Bewertung mit hoher Aussagesicherheit. Zwischen 2012 und 2020 verdoppelte sich die Studienzahl – das Ergebnis blieb gleich.
- Das neuromuskuläre Modell erklärt mehr als die Elektrolyt-Erzählung: warum Krämpfe lokal auftreten, warum nachts, und warum Dehnen sofort hilft.
- Dehydratation bis 4,7 Prozent Körpermasseverlust veränderte die Krampfanfälligkeit im Experiment nicht, wenn Ermüdung kontrolliert wurde.
- Bestimmte Medikamente sind auffällig. Am stärksten inhalative Asthmasprays mit einem Sequenzverhältnis von 2,42.
- Es gibt in der EU keine zugelassene Angabe zu Krämpfen – für keinen Nährstoff und kein Lebensmittel.
Inhalt
Was im akuten Krampf hilft
Weil das die dringlichste Frage ist, steht sie zuerst.
Die Wade dehnen – so geht es
Im Liegen oder Sitzen: Bein strecken und die Fußspitze aktiv zum Schienbein ziehen. Wer nicht herankommt, legt ein Handtuch oder einen Gürtel um den Fußballen und zieht damit.
Zusätzlich den Gegenspieler anspannen: nicht nur passiv ziehen, sondern aktiv den Fußheber anspannen. Das dämpft die Nervenzelle, die den Krampf unterhält, zusätzlich.
Im Stand: betroffenes Bein nach hinten, Ferse fest am Boden, Knie gestreckt, Gewicht nach vorne verlagern.
Halten statt wippen, bis der Krampf nachlässt.
S1-Leitlinie Crampi/MuskelkrampfDer Mechanismus dahinter ist gut verstanden und im Wortlaut der Leitlinie nachlesbar: Dehnung erhöht die hemmende Aktivität der Golgi-Sehnenorgane und senkt damit die Aktivität der Nervenzellen, die den Muskel versorgen. Diese sogenannte autogene Hemmung beendet den Krampf.
Genau das ist auch das stärkste Argument gegen die Elektrolyt-Erzählung: Dehnen wirkt in Sekunden. Getrunkenes erreicht den Kreislauf erst nach etwa 15 Minuten – für die Beendigung eines Krampfes kommt das in aller Regel zu spät.

Was ein Muskelkrampf ist
Ein Muskelkrampf ist eine plötzliche, unwillkürliche und schmerzhafte Anspannung eines Muskels oder Muskelteils, die sich nicht willentlich lösen lässt. Betroffen ist meist die Wade, gelegentlich der Fuß oder der Oberschenkel.
Die Häufigkeit ist bemerkenswert. Über 90 Prozent auch jüngerer Erwachsener kennen vereinzelte Muskelkrämpfe. Bei älteren Menschen leiden 30 bis 55 Prozent unter regelmäßigen Krämpfen, 30 bis 40 Prozent davon häufiger als dreimal pro Woche.S1-Leitlinie
In einer britischen Bevölkerungsbefragung berichteten 37 Prozent der Befragten von Ruhekrämpfen. Bei den Betroffenen traten sie zu 83 Prozent in der Beinmuskulatur auf und zu 73 Prozent typischerweise nachts. Die mittlere Dauer einer Episode betrug neun Minuten. Und ein Befund, der viel über das Thema sagt: Nur 32 Prozent hatten die Beschwerden je in der Hausarztpraxis angesprochen.Naylor & Young 1994
Was ein Krampf nicht ist
- Muskelkater setzt verzögert ein, betrifft den ganzen Muskel und dauert Tage.
- Spastik ist eine dauerhaft erhöhte Muskelspannung bei einer Schädigung im zentralen Nervensystem.
- Restless Legs äußert sich als Bewegungsdrang und Missempfindung, nicht als schmerzhafte Verhärtung, und bessert sich gerade durch Bewegung.
- Tetanie bei stark erniedrigtem Calcium äußert sich typischerweise beidseits und mit Kribbeln.
Die beiden Erklärungsmodelle
Hier liegt der eigentliche Informationsgewinn – und der Grund, warum die üblichen Ratschläge so oft ins Leere laufen.
1 Die Elektrolyt- und Dehydratationserzählung
Sie ist die bekanntere: Schwitzen führt zu Flüssigkeits- und Mineralstoffverlust, der Muskel reagiert mit Krämpfen. Das klingt einleuchtend und passt zu jedem Werbespot. Nur hat sie experimentell schlecht abgeschnitten.
Was die Experimente zeigen
Dehydratation isoliert geprüft. Zehn Männer wurden in der Hitze bis zu einem Verlust von 4,7 Prozent ihrer Körpermasse belastet – rund 3,9 Liter Flüssigkeit, dazu 4 Gramm Natrium. Der entscheidende Kunstgriff: Belastet wurde nicht das getestete Bein, sodass Ermüdung als Störfaktor wegfiel. Die Krampfanfälligkeit veränderte sich nicht signifikant.
Elektrolytzufuhr geprüft. In einer anderen Untersuchung verdoppelte ein Elektrolytgetränk die Zeit bis zum Krampfbeginn mehr als. Verhindert hat es die Krämpfe nicht: 69 Prozent der Teilnehmenden bekamen auch mit Flüssigkeit und Elektrolyten einen Krampf.
Im Feld. Bei 210 Ironman-Teilnehmenden unterschieden sich weder Elektrolytwerte noch Gewichtsveränderung zwischen denen mit und ohne Krämpfe. Vorhersagend waren zwei ganz andere Dinge: eine schnellere Rennzeit und Krämpfe in früheren Rennen.
Braulick 2013; Jung 2005; Schwellnus 20112 Das neuromuskuläre Modell
Es erklärt den Krampf nicht über den Mineralstoffhaushalt, sondern über die Steuerung. Bei muskulärer Ermüdung verschiebt sich das Gleichgewicht an der Nervenzelle im Rückenmark: Die Muskelspindeln melden vermehrt erregend, die Golgi-Sehnenorgane hemmen weniger – besonders dann, wenn der Muskel in verkürzter Position arbeitet und die Sehnenspannung gering ist. Die Nervenzelle entlädt sich hochfrequent, der Muskel verkrampft.
Vier Beobachtungen erklärt dieses Modell besser:
- Warum Dehnen sofort hilft. Mehr Sehnenspannung heißt mehr Hemmung.
- Warum Krämpfe lokal sind. Ein systemischer Mineralstoffmangel müsste den ganzen Körper betreffen, nicht genau die eine ermüdete Wade.
- Warum sie nachts kommen. Im Liegen steht der Fuß in Streckstellung, die Wade ist maximal verkürzt, die Sehnenspannung am geringsten.
- Warum Ermüdung und hohe Intensität die stärksten Risikofaktoren sind.
Die deutsche Leitlinie formuliert es ausgewogen: Wahrscheinlich spielen beide Mechanismen wechselseitig eine Rolle, wobei die Theorie der gestörten neuromuskulären Kontrolle mehr Merkmale belastungsbedingter Krämpfe erklären könne.S1-Leitlinie
Was Magnesium leistet
Die kurze Antwort: bei nächtlichen Wadenkrämpfen älterer Menschen nach heutiger Datenlage nichts Bedeutsames. Das ist keine Meinung, sondern das Ergebnis eines Cochrane-Reviews über elf Studien mit 735 Teilnehmenden.
| Endpunkt | Ergebnis | Aussagesicherheit |
|---|---|---|
| Änderung der Krämpfe pro Woche | −9,6 % (−23,1 bis +4,0) | moderat |
| Differenz Krämpfe pro Woche | −0,18 (−0,84 bis +0,49) | moderat |
| Anteil mit mindestens 25 % weniger Krämpfen | Risikoverhältnis 1,04 (0,84 bis 1,29) | hoch |
Zwei Details machen dieses Ergebnis besonders belastbar. Erstens war die Streuung zwischen den Studien minimal – sie kommen alle zum selben Schluss. Zweitens hat ausgerechnet der aussagekräftigste Endpunkt, der Anteil der Menschen mit deutlicher Besserung, die Bewertungsstufe „hoch". Das ist in Cochrane-Reviews selten.Garrison et al., Cochrane 2020
Zwischen der Fassung von 2012 und der von 2020 hat sich die Zahl der Studien von 7 auf 11 und die der Teilnehmenden von 406 auf 735 erhöht. Das Ergebnis für ältere Erwachsene blieb gleich. Es ist also kein Datenmangel-, sondern ein Wirksamkeitsproblem.
Drei Einschränkungen, die dazugehören
- Schwangerschaft ist ein eigener Fall. Dort ist die Datenlage nicht negativ, sondern widersprüchlich: Eine gemeinsame Auswertung war gar nicht möglich, alle fünf Studien hatten ein hohes Verzerrungsrisiko. Hier bleibt die Frage offen.
- Für Sportkrämpfe gibt es keine einzige randomisierte Studie zu Magnesium. Wer es dafür empfiehlt, tut das ohne jede Studiengrundlage.
- Ein nachgewiesener Magnesiummangel ist etwas anderes. Wenn ärztlich ein Mangel festgestellt wurde, gehört er behandelt – das ist eine andere Situation als die vorsorgliche Einnahme bei Krämpfen.
Was gesagt werden darf – und was nicht
Wir haben den Anhang der EU-Verordnung über zulässige gesundheitsbezogene Angaben nach dem Wortstamm „krampf" durchsucht. Ergebnis: null Treffer. Es existiert in der EU keine zugelassene Angabe, die sich auf Krämpfe bezieht – für keinen Nährstoff.VO (EU) Nr. 432/2012
Zugelassen sind für Magnesium unter anderem die Angaben, dass es zu einer normalen Muskelfunktion, zu einem normalen Energiestoffwechsel, zur normalen Funktion des Nervensystems, zum Elektrolytgleichgewicht und zur Verringerung von Müdigkeit beiträgt. Das ist etwas anderes als eine Aussage über Krämpfe: Die erste beschreibt eine normale Körperfunktion, die zweite eine Beschwerde – und damit wäre sie eine krankheitsbezogene Aussage.

Vorbeugen: was belegt ist
Die deutsche Leitlinie empfiehlt bei nächtlichen Wadenkrämpfen regelmäßige Dehnübungen. Sie beschreibt sogar eine konkrete, für ältere Menschen sichere Variante: mehrmals täglich im Stand den Körper nach vorne beugen, die Fersen bleiben am Boden; wer sich dabei mit den Armen an einer etwa einen Meter entfernten Wand abstützt, kann die Übung auch im höheren Alter sicher ausführen.S1-Leitlinie
Ehrlich dazu gehört, wie stark der Beleg ist. In einer randomisierten Studie mit 80 Personen über 55 Jahren senkte sechswöchiges abendliches Dehnen von Waden- und Oberschenkelrückseite die Krämpfe um 1,2 Episoden pro Nacht und die Schmerzstärke um 1,3 Punkte auf einer Zehnerskala. Der Cochrane-Review, der diese Studie einschließt, stuft die Aussagesicherheit allerdings als niedrig bis sehr niedrig ein – es gibt nur drei Studien mit zusammen 201 Teilnehmenden, und zwei fanden keinen Effekt.Hallegraeff 2012; Cochrane 2021
Warum es sich trotzdem lohnt: Es kostet nichts, in keiner der drei Studien traten unerwünschte Wirkungen auf, es passt zum physiologischen Erklärungsmodell, und die Leitlinie empfiehlt es ausdrücklich. Bei kaum einer anderen Maßnahme stehen Nutzen und Risiko so klar zueinander.
Was sonst noch untersucht wurde
| Maßnahme | Stand |
|---|---|
| Regelmäßige Bewegung, gestuftes Ausdauertraining | plausibel, erhöht laut Leitlinie die Auslöseschwelle |
| Trinken beim Sport | kann den Zeitpunkt verzögern, verhindert Krämpfe nicht |
| Fußposition im Liegen anpassen | in der Praxis angewandt, ausdrücklich ohne Studiengrundlage |
| Kompressionsstrümpfe | eine neuere kontrollierte Studie zeigt einen Effekt; Einzelbefund |
| Alkohol reduzieren | Alkohol gilt als Risikofaktor |
| Chininsulfat | wirksam, aber verschreibungspflichtig und wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen stark eingeschränkt – gehört ausschließlich in ärztliche Hand |
Medikamente und Erkrankungen
Das ist der Abschnitt, der am ehesten etwas verändert – und der in den meisten Ratgebern fehlt oder ohne Zahlen bleibt.
Eine Auswertung der Gesundheitsdaten von 4,2 Millionen Menschen prüfte, ob nach dem Beginn bestimmter Medikamente häufiger Mittel gegen Krämpfe verordnet wurden. Ergebnis:
| Wirkstoffgruppe | Verhältnis |
|---|---|
| Langwirksame Asthmasprays | 2,42 |
| Kaliumsparende Entwässerungsmittel | 2,12 |
| Entwässerungsmittel gesamt | 1,47 |
| Statine | 1,16 |
Bemerkenswert: 60,3 Prozent der Menschen, die eine Krampfbehandlung erhielten, hatten im Beobachtungszeitraum mindestens eines dieser Medikamente bekommen.Garrison et al. 2012
Statine im Besonderen
Kaum ein Zusammenhang wird so überzeichnet. In der bislang größten Auswertung individueller Patientendaten aus 19 doppelblinden Studien mit über 123.000 Teilnehmenden berichteten 27,1 Prozent unter Statin und 26,6 Prozent unter Placebo Muskelbeschwerden. Die Autoren rechnen vor, dass mehr als 90 Prozent aller Muskelbeschwerden unter Statintherapie nicht auf das Statin zurückzuführen waren. Ein leichter Überschuss zeigte sich nur im ersten Behandlungsjahr.Cholesterol Treatment Trialists 2022
Erkrankungen im Hintergrund
Krämpfe können Begleitsymptom sein, unter anderem bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Venenerkrankungen, Diabetes mit Nervenbeteiligung, Schilddrüsenunterfunktion, Nieren- und Lebererkrankungen sowie neuromuskulären Erkrankungen. In einer Untersuchung an 365 älteren Menschen war die Verschlusskrankheit der stärkste Einzelfaktor.
Warum Krämpfe im Alter zunehmen
Dass sie zunehmen, ist gut belegt – bei über 65-Jährigen berichtete die Hälfte von Beinkrämpfen, Frauen mit 56 gegenüber Männern mit 40 Prozent. Warum, ist weniger klar, als die üblichen Erklärungen suggerieren.
Am besten belegt ist der Medikamentenfaktor: Ältere Menschen nehmen häufiger genau die Mittel ein, die oben auffällig waren. Dazu kommen mehr Begleiterkrankungen und weniger Bewegung.
Was dagegen häufig behauptet und selten belegt wird: dass der altersbedingte Muskelschwund die Krämpfe verursache. Diese Erklärung ist populär, aber nicht durch Studien gestützt. Ebenso plausibel, aber nicht bewiesen, ist die Rolle der abnehmenden Beweglichkeit – eine verkürzte Wade passt gut zum neuromuskulären Modell.

Wann zum Arzt
Die allermeisten Krämpfe sind harmlos, auch wenn sie unangenehm sind. Ärztlich abklären lassen solltest du sie, wenn
- sie neu und plötzlich in großer Häufigkeit auftreten,
- sie mit Muskelschwäche, Muskelschwund, Zuckungen oder Gefühlsstörungen einhergehen,
- sie zeitlich mit einem neuen Medikament begonnen haben,
- sie nur ein Bein betreffen und mit Schwellung, Verfärbung oder Schmerz beim Gehen einhergehen,
- eine bekannte Nieren-, Leber-, Schilddrüsen- oder Stoffwechselerkrankung besteht,
- oder sie den Schlaf regelmäßig und deutlich beeinträchtigen.
Und ein Hinweis, der aus den Erhebungen oben folgt: Nur etwa ein Drittel der Betroffenen spricht das Thema überhaupt an. Wenn es dich belastet, ist es einen Termin wert – schon deshalb, weil ein Blick auf die Medikamentenliste manchmal reicht.
Ein Punkt aus der Leitlinie, der hierher gehört: Ein höherer Körpermassenindex zählt zu den Risikofaktoren, und Gewichtsreduktion wird unter den in der Praxis angewandten Maßnahmen geführt – ausdrücklich ohne belastbare Studiengrundlage. Wenn du ohnehin abnehmen möchtest, ist unsere Stoffwechselkur genau dafür gebaut: individuell berechneter Bedarf statt Pauschalwerten, eiweißbetonte und gemüsereiche Mahlzeiten, eine feste Stabilisierungsphase und tägliche persönliche Begleitung per WhatsApp durch Magdalena und ihr Team. Die Ernährungsberatung ist im Paket enthalten.
Stoffwechselkur ansehenHäufige Fragen
Was hilft sofort gegen einen Wadenkrampf?
Den betroffenen Muskel statisch dehnen: Bein strecken, Fußspitze zum Schienbein ziehen, notfalls mit einem Handtuch nachhelfen, und die Position halten statt zu wippen. Zusätzlich hilft es, den Gegenspieler aktiv anzuspannen. Das ist auch die Erstmaßnahme der deutschen Leitlinie.
Hilft Magnesium gegen Muskelkrämpfe?
Bei nächtlichen Krämpfen älterer Menschen fand ein Cochrane-Review über elf Studien mit 735 Teilnehmenden keinen bedeutsamen Nutzen; der Anteil der Menschen mit deutlicher Besserung unterschied sich nicht von Placebo. Für Sportkrämpfe existiert keine einzige randomisierte Studie. In der Schwangerschaft ist die Datenlage widersprüchlich. Ein ärztlich festgestellter Magnesiummangel ist davon zu trennen.
Was sind die Ursachen von häufigen Muskelkrämpfen?
Häufig ist keine einzelne Ursache fassbar. Belegte Risikofaktoren sind muskuläre Ermüdung, hohe Trainingsintensität, niedriger Trainingsstand, höheres Alter, höherer Körpermassenindex, bestimmte Medikamente und Vorerkrankungen wie Durchblutungsstörungen, Diabetes mit Nervenbeteiligung oder Schilddrüsenunterfunktion.
Warum kommen Wadenkrämpfe nachts?
Im Liegen steht der Fuß in Streckstellung, die Wadenmuskulatur ist maximal verkürzt und die Sehnenspannung minimal. Damit fällt die hemmende Rückmeldung der Golgi-Sehnenorgane an das Rückenmark am geringsten aus – der Muskel ist leichter auslösbar. Die Leitlinie hält fest, dass eine Verkürzung des Muskels die Auslösung des Krampfes erleichtert.
Kann man Wadenkrämpfen vorbeugen?
Die deutsche Leitlinie empfiehlt regelmäßige Dehnübungen der Wadenmuskulatur. In einer randomisierten Studie mit 80 Personen über 55 senkte abendliches Dehnen über sechs Wochen die Krämpfe um 1,2 Episoden pro Nacht. Der zugehörige Cochrane-Review stuft die Aussagesicherheit als niedrig ein, weil zwei weitere Studien keinen Effekt fanden.
Sind Muskelkrämpfe ein Zeichen für Flüssigkeitsmangel?
Wahrscheinlich seltener als angenommen. In einem kontrollierten Experiment veränderte ein Flüssigkeitsverlust von 4,7 Prozent der Körpermasse die Krampfanfälligkeit nicht, wenn Ermüdung als Störfaktor ausgeschlossen wurde. Bei Ausdauersportlern unterschieden sich Elektrolytwerte und Gewichtsverlust nicht zwischen Personen mit und ohne Krämpfe.
Welche Medikamente können Muskelkrämpfe auslösen?
Beschrieben sind unter anderem Entwässerungsmittel, Betablocker, Calciumantagonisten, Statine, Kortikosteroide, Asthmasprays und viele weitere. In einer Auswertung von Gesundheitsdaten von 4,2 Millionen Menschen war das Signal bei langwirksamen Asthmasprays am stärksten. Wichtig: Verordnete Medikamente niemals eigenmächtig absetzen, sondern den Verdacht ärztlich besprechen.
Warum bekomme ich im Alter mehr Wadenkrämpfe?
Am besten belegt ist der Medikamentenfaktor: Ältere Menschen nehmen häufiger Mittel ein, die mit Krämpfen in Verbindung stehen. Dazu kommen mehr Begleiterkrankungen und weniger Bewegung. Die verbreitete Erklärung über den altersbedingten Muskelschwund ist populär, aber nicht durch Studien belegt.
Weiterlesen
Welche Aufgaben Elektrolyte tatsächlich haben und über welche Lebensmittel du sie aufnimmst, steht im Beitrag zu Elektrolyten. Warum Bewegung und Muskelkraft im Alter besonders zählen, erklärt der Ratgeber Abnehmen im Alter, und wie du deine Eiweißversorgung sicherstellst, steht unter Nährstoffverteilung.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie. S1-Leitlinie Crampi/Muskelkrampf, AWMF-Registernummer 030-037.
- Garrison SR et al. Magnesium for skeletal muscle cramps. Cochrane Database Syst Rev 2020;9:CD009402.
- Garrison SR et al. Magnesium for skeletal muscle cramps. Cochrane Database Syst Rev 2012;CD009402.
- Hallegraeff J et al. Criteria in diagnosing nocturnal leg cramps: a systematic review; sowie Hallegraeff JM et al. Stretching before sleep reduces the frequency and severity of nocturnal leg cramps in older adults. J Physiother 2012;58:17–22.
- Hallegraeff J, de Greef M, Krijnen W, van der Schans C. Non-drug therapies for the secondary prevention of lower limb muscle cramps. Cochrane Database Syst Rev 2021;5:CD008496.
- Schwellnus MP. Cause of exercise associated muscle cramps – altered neuromuscular control, dehydration or electrolyte depletion? Br J Sports Med 2009;43:401–408.
- Braulick KW et al. Significant and serious dehydration does not affect skeletal muscle cramp threshold frequency. Br J Sports Med 2013;47:710–714.
- Jung AP et al. Influence of Hydration and Electrolyte Supplementation on Incidence and Time to Onset of Exercise-Associated Muscle Cramps. J Athl Train 2005;40:71–75.
- Schwellnus MP, Drew N, Collins M. Increased running speed and previous cramps rather than dehydration or serum sodium changes predict exercise-associated muscle cramping. Br J Sports Med 2011;45:650–656.
- Miller KC et al. An Evidence-Based Review of the Pathophysiology, Treatment, and Prevention of Exercise-Associated Muscle Cramps. J Athl Train 2022;57:5–15.
- Naylor JR, Young JB. A general population survey of rest cramps. Age Ageing 1994;23:418–420.
- Abdulla AJ, Jones PW, Pearce VR. Leg cramps in the elderly: prevalence, drug and disease associations. Int J Clin Pract 1999;53:494–496.
- Garrison SR et al. Nocturnal leg cramps and prescription use that precedes them: a sequence symmetry analysis. Arch Intern Med 2012;172:120–126.
- Cholesterol Treatment Trialists' Collaboration. Effect of statin therapy on muscle symptoms: an individual participant data meta-analysis. Lancet 2022;400:832–845.
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012, konsolidierte Fassung, Anhang.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Häufige, sehr schmerzhafte oder neu aufgetretene Muskelkrämpfe gehören ärztlich abgeklärt, ebenso Krämpfe zusammen mit Muskelschwäche, Muskelschwund, Zuckungen oder Gefühlsstörungen. Setze verordnete Medikamente niemals eigenmächtig ab. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Die genannten Studienergebnisse sind Durchschnittswerte aus Untersuchungsgruppen und lassen sich nicht ohne Weiteres auf einzelne Personen übertragen.








